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Geschichte des Soto-Zen

(28. April 2004)

Geschichte des Soto

Vielen Dank an dieser Stelle an die Sangha der Altbäckersmühle für die Erlaubnis den Text hier zu veröffentlichen!


Vortrag Geschichte des Soto, gehalten anläßlich des Schülerinnen-treffens der Sei-Sui-Zendo am 27.5.00 in der Altbäckersmühle

Tatsächlich ist es so, daß die Geschichte des Soto in diesem groben Überblick, nur an Personen, sprich Patriarchen, aufgezeigt werden kann. Dies hat zwei Gründe: einmal geht es hier nicht um eine wissenschaftlich tiefschürfende Darstellung, zum andern aber auch deshalb, weil die Zen-Geschichte immer eine Geschichte der Übertragungen ist und dies gilt sowohl in geschichtlicher als auch spiritueller Hinsicht.

Die Traditionslinie beginnt zwar mit dem historischen Buddha Siddhartha Gautama, geb. 563 v.Chr., jedoch werden in alten hinayanistischen Texten 6 Buddhas aus früheren Weltzeitaltern namentlich erwähnt.

Von Siddhartha aus beginnt die Traditionslinie in Indien. Ein wichtiger Einschnitt ist die große Gestalt des Bodhidharma, dem 28. Patriarch der indischen Linie, der dann der 1. Patriarch in China wurde. Der Überlieferung nach soll er im Jahre 520 n.Chr., also 1000 Jahre nach Shakyamuni-Buddha, nach China gekommen sein. Er ließ sich nieder im Shao-lin Kloster, heute noch berühmt durch seine Kampfkünste und man vermutet, daß diese auf Bodhidharma zurückgehen, möglicherweise auch das Bogenschießen. Nach 9 Jahren unerschütterlichen Sitzens zur Wand fand er seinen ersten Schüler, der dann zum 2. Patriarchen wurde.

Die Form der meditativen Praxis, die Bodhidharma lehrte, war noch ganz in dem ind. Buddhismus begründet. D.h. tradierte Sutras des Mahayana-Buddhismus. Das typische chin. Zen, das erst aus der Verschmelzung des von Bodhidharmas Tradition und dem bodenständigen chinesischen Taoismus entstand und das als eine "Besondere Überlieferung außerhalb der orthodoxen Lehre" bezeichnet wird, entwickelte sich erst mit Hui-Neng, dem 6. Patriarchen des chin. Zen und den großen Zen-Meistern der T´ang Zeit. Von ihm, also Hui-Neng, stammt das berühmte Sutra des sechsten Patriarchen. Wir befinden uns jetzt im Jahr 638 bis 713.


Einen wichtigen Einschnitt gab es in der 3. Generation nach Hui-Neng. Hier entstehen die zwei Hauptlinien des chinesischen Zen, die bis heute erhalten geblieben sind.

Im Mittelpunkt dieser Bewegung stehen Ma-tsu geb. 709 und Shih-t´ ou, geb. 700. In den Chroniken heißt es: "Westlich vom Fluß ist der "Große Einsame" (Matsu) der Meister, südlich vom See ist "Steinkopf" Shih-t´ou) der Meister. Das Volk strömt in Scharen dorthin. Wer die zwei großen Meister nicht sah, ist ein Unwissender."

Mat-su ist die Gründergestalt der späteren Rinzai-Schule. Er hat vielleicht als einer der Ersten das Andonnern angewandt und das Paradoxe mit Grobheiten vermischt.

Shih-t´ou ist die Gründergestalt des Soto. 700-790. Er zeichnet sich aus durch scharfe Intelligenz und ruhige Selbstsicherheit. Die Legende läßt ihn beim Tod Hui-Nengs im Jahr 713 anwesend sein. Mit 28 Jahren empfing er die Mönchsweihe. Sein Meister sagte als Shih-t´ou einige Zeit bei ihm übte: "Ich habe viel gehörntes Vieh, aber ein Einhorn genügt". Er erhält das Dharma-Siegel und baute seine Hütte auf einem breiten flachen Stein, darum sein Name Steinkopf, jap. sekito, mit diesem Namen ist er in die Zen-Geschichte eingegangen. Einsam meditierend, sich einer wachsenden Schar von Schülern kaum erwehren könnend, lebte er 23 Jahre in der Berghütte, bis er 764 in ein neues Zentrum zog. Sein Ruhm strahlte weit hin und zog viele Jünger an. Er soll später nochmals zu seinen geliebten Bergen zurückgekehrt sein, wo er hochbetagt verstarb.

Der Schwerpunkt seiner Lehre: "Der Geist ist gleich dem Buddha. Geist, Buddha, Lebewesen, Weisheit und Trübungen sind nur dem Namen nach verschieden, aber im Wesen eins. Die Natur kennt weder Aufhören noch Beständigkeit, weder Befleckung noch Reinheit, sie ist still und ganz, profan und heilig sind gleich."

Gespräch: Mönch: Wie verhält es sich mit der Befreiung? Meister: Wer bindet dich? Mönch: wie ist es mit dem reinen Land? Meister: Wer befleckt dich? Mönch: Wie ist es mit dem Nirwana? Meister: Wer steckt dich ins Samsara? (Werdewelt).

Beide Schulen entwickeln sich in der Folgezeit, in den nächsten 150 Jahren, wobei im Rinzai sich bereits hier die Übung mit den Koans als besonderes Merkmal herausgebildet . Für beide Schulen gilt, daß es notwendig wurde - ähnlich wie in den buddhistischen Klöstern - sich Regeln für das Gemeinschaftsleben zu geben, um dieses klar zu ordnen. So wurden die buddhistischen Grundregeln: Nicht-Töten, bzw. kein Leid zufügen, Nicht-Stehlen, Nicht-Unkeusches-Tun, Nicht-Lügen, keine berauschenden Getränke trinken, Kein Luxus der Lebensführung und Arbeit "Ein Tag ohne Arbeit - ein Tag ohne Essen", übernommen und erweitert.

Wir übergehen jetzt einige Stationen und Generationen, die teilweise im Dunkeln liegen und kommen ins 9. Jahrhundert, wo wir auf die beiden Namen der Gestalten stoßen, aus denen der Name Ts´ao-tung - Soto - entstanden ist: Tung-shan und
Ts´ao-shan.

Tung-shan gilt als die eigentliche Gründergestalt des Soto. Darum wollen wir uns seinem Leben und seiner Erkenntnis etwas ausführlicher widmen. Bereits mit 6 Jahren wurde er von der frommen Mutter dem Buddhapriester des Ortes zur Erziehung übergeben. Beim rezitieren des Herzsutras wo es am Anfang heißt: "Hier gibt es weder Auge, Ohren, Nase, Zunge, keinen Leib..." tastete der Junge seinen Leib ab und sagte: "Aber das habe ich doch alles, wie kann der Buddha sagen, daß es das nicht gibt?". Der Priester war von dieser Frage so betroffen und fühlte sich untauglich den Jungen weiter zu unterrichten. Mit dem Einverständnis seiner Eltern brachte er ihn zu dem Zen-Meister Ling-mu, der einst bei dem Patriarchen Ma in die Schule gegangen war. Ling-mus Ernst und Güte machten auf ihn solchen Eindruck, daß er sich bald entschloß Mönch zu werden. Ein Abschiedsbrief an seine Mutter legt Zeugnis ab von dem Samen, den der Meister in sein Herz pflanzte. Darin dankt er für die vielen Wohltaten von Vater und Mutter und verpflichtet sich, diese durch ein gutes Leben zu vergelten. Ungefähr 10 Jahre nach dem Tod seines Meisters, also ca. 30 jährig begann er seine Wanderschaft von einem großen Meister zum anderen. Die Spannung zwischen Zeit und Ewigkeit, zwischen objektiver Welt und der Leere ist Grundton und unerschöpfliches Lebensproblem. Am Ende eines Gesprächs wird er von Meister Yün-yän auf das Amitabha-Sutra verwiesen in dem es heißt: "Gewässer und Vögel, Bäume und Wälder, alle beten den Buddha an und murmeln andächtig die Worte des Gesetzes." Das war für Tung-schan genug. Sein Dank an Yün-yän lautet: O Wunder über Maßen! O Wunder über Maßen! Unfühlend kündet die Natur das Weltgesetz des Buddha, unausdenkbar! Wer sie mit Ohren hören will, vernimmt am Ende nichts. Am Ort der Augen mußt du Ohren haben, dann erst merkst du es! Genau betrachtet geht es um die Überwindung des in Unterscheidungen befangenen Geistes. Eine neue Sicht der Dinge war erreicht, das Thema des siebenjährigen Jungen beim Lesen des Herz-Sutras hatte seine Antwort gefunden. Als er einen Fluß überquert erblickt er im Wasser sein eigenes Spiegelbild und mit einem Male geht ihm sein eigenstes Geheimnis auf: Ich selbst in zweierlei gespalten und doch einer! Der Wanderer da im Wasserspiegel steht in der Reihe der großen Vorfahren, die im Grunde gar keine Reihe ist sondern zeitlos. Das Geheimnis aller Polarität war ihm am eigenen Wesen aufgegangen.

Mit 52 Jahren beendete er sein Wanderleben und schlug auf dem Berge Tung-shan seinen Wohnsitz auf, der ihm dann auch seinen Namen gab. Nur 9 Jahre waren ihm für seine Lehrtätigkeit beschieden. Aus ganz China fanden sich junge Mönche bei ihm ein. Er traktierte sie nicht mit dem Stock, schreckte sie nicht mit dem Scheltruf auf. Umso ernster gab er sich mit jedem Mühe im intimen, alle Fragen lösenden Gespräch. Die gewissenhafte Sorgfalt in der Seelenführung schuf sich hier bestimmte Regeln, die seiner Schule ihr besonderes Gepräge gaben und heute noch in Geltung sind. Ts´ao-shan wurde ein berühmter Schüler und Mitbegründer des Soto. Seine Linie sollte jedoch schon in der 4. Generation erlöschen, bzw. ist eingeflossen in die Linie des Yün-chü, der andere Hauptschüler des Tung-shan. Er ist der, der die Soto-linie fortgeführt hat. Sein Bemühen galt der reinen Erfahrung, die er in einem hochstehenden sittlichen Leben verkörperte. Unter den Jüngern Tung-shans genoß er das höchste Ansehen und die vielen ausgezeichneten Männer, die später aus seiner Schule hervorgingen, erweisen ihn als einen der einflußreichsten und bedeutendsten Meister jener Tage. Die Ts`ao-tung-Schule wurde durch seine Jünger und Geisteserben in China fortgeführt und in seiner Überlieferungslinie nach Japan verpflanzt.

Mit Yün-chü entstanden die Fünf Stufen, ein Text in 5 Versen, in dem alle Fünf Stufen das Gleiche, angeschaut unter verschiedenen Aspekten, ausdrücken, nämlich die Einheit des Absoluten oder universal Gleichen und des Relativen oder phänomenal Mannigfaltigen.

Diese fünfgliedrige Formel fand ihren klassischen Ausdruck in fünf Strophen, die auf Tung-shan und Ts´ao-shan zurückgehen. Fachleute sehen in ihnen deutliche Anklänge an buddhistische Metaphysik und an chinesische Philosophie (Buch der Wandlungen) I-ching.

Da diese fünf Stufen in der Folgezeit die wichtige Literatur waren und teilweise koanartig auch von Rinzai Lehrern, z.B. dem berühmten Hakuin verwandt wurden, sollen sie hier vorgetragen werden:


1. Das Gekrümmte im Geraden
Bei der dritten oder ersten Nachtzeit, bevor der Mond leuchtet,
Kein Wunder, daß Begegnende einander nicht erkennen!
Verborgen sitzt noch ein Kummer vergangener Tage.

2. Das Gerade im Gekrümmten
Das Morgenrot schwindet. Eine Greisin schaut in den alten Spiegel.
Deutlich sieht sie ihr Gesicht, es ist nicht anderswo.
Laß ab, den Kopf zu verwirren und den Schatten zu erkennen!

3. Mitten aus dem Geraden kommend
Mitten im Nichts ist ein Pfad, der aus dem Staub herausführt.
Ohne die Majestät des Gegenwärtigen zu verletzen,
Macht er dich den Beredten von einst übertreffen, der jede Zunge schlug.

4. Mitten in das Gekrümmte anlangend
Wenn zwei Klingen die Spitzen kreuzen, braucht es kein Ausweichen.
Ein guter Fechter ist wie Lotos im Feuer.
Es ist, als habe er in sich einen Geist, der an den Himmel stößt.

5. Einheit erreicht
Weder dem Sein noch dem Nicht-sein verfallen, wer vermag diesen Einklang?
Die Menschen wünschen alle nur, dem gewöhnlichen Lauf zu entrinnen.
Schließlich kehrt er zurück und sitzt am Ende in den Kohlen.



Vielleicht ist es hilfreich, wenn ich von drei Übersetzern die beiden jeweils wichtigen Begriffe einander gegenüber stelle:

Das Gekrümmte im Geraden
Das Einseitige im Richtigen
Das Phänomenale im Urgründigen

Es zieht sich bis jetzt ein roter Faden durch die Geschichte des Soto: Das Absolute ist in den Erscheinungen, im Gekrümmten oder Hellen. Absolutes, Urgründiges und Phänomenales sind nicht voneinander getrennt. Das wunderbare Sein der wahren Leere oder die wahre Leere im wunderbaren Sein, enthält die Quintessenz der erleuchteten Wirklichkeitsschau.

Über die Koan-Übung in der Soto-Schule wissen wir weniger Bescheid als über die Koan-Praxis im Rinzai. Wir wissen aber, daß die dialektische Formel der Fünf Stufen in die Koan-Methode aufgenommen und immer wieder viel benutzt wurde. Die Soto-Schule wurde, wie wir wissen, von Tung-shan´s Jünger Yün-chü, gest. 902, weiter geführt, dem gemäß der Überlieferung die Fünf Stufen vom Meister nicht anvertraut wurden. Dieser Meister wirkte 30 Jahre auf dem Berg, nach dem er und sein Kloster benannt ist und hatte eine große Schülerzahl. Bei seiner Führung spielte die Erleuchtung eine große Rolle. Es ist nichts darüber bekannt, daß seine frühen Nachfolger eine Gegenposition gegen die Koan-Übung bezogen, im Gegenteil, zwei Meister im 11bzw. 12. Jahrhundert stellten jeder eine Koan-Sammlung mit je 100 Beispielen zusammen. Die berühmteste davon ist das Shoyoroku. Es ist also nicht richtig wenn gesagt wird, daß die beiden Schulen sich durch die Koan-Arbeit unterscheiden. Es gab und gibt bis heute in der Soto-Tradition immer wieder Lehrer, die aufgrund ihrer eigenen Zen-Biographie mit Koans arbeiten. Der Unterschied ist, daß jeder Rinzai-Lehrer eine Koan-Schulung hinter sich haben muß, wobei in verschiedenen Schulen auch dies sehr unterschiedlich gehandhabt wird. Grundsätzlich jedoch wird die Koan-Arbeit bei Rinzai sehr systematisch geübt, während dies im Soto - wenn überhaupt - eher intuitiv, je nach Geisteszustand des Übenden, angewandt wird.

Ein bedeutender japanischer Gelehrter der Neuzeit spricht von Methode und meint damit die Übung im Hocksitz und er spricht von Lehre und meint damit das Gedankengut der Sutren und er spricht von Hilfsmitteln und meint damit die paradoxen Worte und Handlungen, Stockschläge und Anbrüllen und die Arbeit mit Koans.

Im 12. Jahrhundert ragen zwei Gestalten in der chin. Zen-Bewegung heraus, nämlich Ta-hui Tsung-kao der energische Verfechter der Koan-Übung der Rinzai-Schule und Hung-chih Ch´eng-chüeh, der dem Erleuchtungsweg der Soto-Schule die Richtung wies. Die beiden waren freundschaftlich miteinander verbunden. In der Folgezeit gab es aber heftige Auseinandersetzungen. Die beiden Begriffe, die für die Folgezeit zur Klassifizierung der beiden Schulen dienten, nämlich Zen der schweigenden Erleuchtung und Zen des Sehens auf das Koan wurden jeweils von den Gegnern erfunden.

Die Rinzai-Anhänger tadeln an der Soto-Schule die Neigung zur Passivität. Das ausschließliche Hinhocken in Meditation, so sagen sie, läßt den Geist im Nichtstun erschlaffen und führt zu dämmrigem Dösen. Dies mag vorkommen, erwidern die Soto-Leute, aber muß das so sein? Den Rinzai-Leuten wird der Vorwurf gemacht, daß sie durch die Fixierung auf ein Koan, den Geist nicht zur Ruhe kommen lassen. Authentische Soto-Lehrer fordern waches Meditieren und lehren gegenstandslose Meditation, niemand hindert sie jedoch, bei entsprechender Eigenerfahrung je nach Situation, mit Koans zu arbeiten. Die Grundübung im Soto ist das Shikantaza, das reine Sitzen. Hier entwickelt sich eine Tiefenerfahrung, die im Alltag nachwirkt und der Alltag, jede Situation als Koan verstanden wird. Wir werden bei der Behandlung der großen prägenden Gestalt des Soto, nämlich dem Meister Dogen, darauf zurückkommen.

Die zwei Richtungen wurden trotz ihrer Unterschiede und auch Gegensätze von ihren Vertretern als echte Formen des Zen-Buddhismus betrachtet. Diese zwei Hauptströme wurden ein halbes Jahrtausend später von China nach Japan verpflanzt. Im Zeitalter des interreligiösen Dialogs erscheint es angebracht, daß diese beiden Schulen sich aufeinander zubewegen, ohne ihre Eigenarten zu verlieren, sondern zu lernen, diese als Reichtum zu betrachten.

Der Unterschied zwischen den beiden Schulen ist also nicht in der Koan-Praxis festzumachen, wie das vereinfachend immer wieder geschieht. Der Unterschied liegt in der grundsätzlich anderen Methodik des Übens und in der anderen Einstellung. Ein Bild, das im Internet beschrieben wurde fand ich hilfreich. Die Rinzai-Leute bestürmen eine Stadt (den Ort der Erleuchtung) mit Getöse, mit Ramböcken, Kanon und Feuer, um da hineinzukommen.

Die Soto-Leute pflanzen außerhalb der Stadt Gemüse an und bringen es in die Stadt auf den Markt. Es ist leicht verständlich, daß sich aus diesen sehr unterschiedlichen Einstellungen auch recht unterschiedliche Übungspraxen entwickelt haben. Rinzai also eher stürmisch, manchmal auch laut, Soto, ruhig, eher sanft. Damit kommen wir zu der Gestalt, die bis heute in Japan als eine der größten religiösen Persönlichkeiten und von allen buddhistischen Schulen wie ein Heiliger oder Bodhisattva verehrt wird.

Sein Name ist Dogen Zenji, auch Dogen Kigen oder Eihei Dogen (Eiheiji-Kloster) genannt. Er lebte 1200-1253 und brachte die Tradition der Soto-Schule nach Japan.

Dogen ging 1223 nach China wo er tiefe Erleuchtung erfuhr und das Siegel der Bestätigung in der Tradition des Soto-Zen erhielt. 1227 kehrte er nach Japan zurück, lebte 10 Jahre in Kyoto in zwei Klöstern. Da ihm der Einfluß weltlicher Mächte in der Kaiserstadt auf seine Arbeit zu groß war zog er sich in eine Einsiedelei in den Bergen zurück. Aus der Hütte, in der er dort lebte, entwickelte sich mit der Zeit ein großes Kloster, das Eihei-ji, das neben dem Soji-ji das wichtigste Kloster des Soto-Zen bis heute geblieben ist. Dogen war schriftstellerisch tätig, sein Hauptwerk, das Shobogenzo gilt als eine der tiefgründigsten Schriften der jap. Zen-Literatur und als das hervorragendste Werk der religiösen Literatur Japans. Es ist in deutscher Sprache in zwei Bänden zu bekommen. Darüberhinaus hat Dogen Einleitungen zur Meditation geschrieben, z.B. Erörterungen wie Shakyamuni und Bodhidharma geübt haben, nämlich Shikantaza und er preist diese Form als höchste und eigentliche Form des Zazen. Allerdings lehnt er die im Rinzai geübte Koan-Praxis nicht ab, was schon aus der Tatsache hervor geht, daß er eine Sammlung von 300 Koans zusammen stellte, jedes mit einem eigenen Kommentar versah und dies offenbar auch in seiner Zen-Schulung anwandte. Dabei besteht er allerdings darauf, daß Zazen eine Übung ist ohne Gedanken und ohne Vorstellungen.

In einem Text beschreibt er die Hauptelemente der Übung, nämlich Körperhaltung des Sitzens, Atmung und die Geistessammlung. Vorbedingung für gutes Üben sind ein ruhiger Ort, mäßige Kost und Abstand von weltlichen Geschäften. Beim rechten Sitzen breitet man eine dicke Matte aus und legt darauf ein rundes Kissen. Nun hocke im ganzen oder halben Verschränkungssitz! Beim ganzen Verschränkungssitz legt man zunächst den rechten Fuß auf den linken Oberschenkel, den linken Fuß läßt man auf dem rechten Oberschenkel ruhen. Beim halben Verschränkungssitz liegt nur der linke Fuß auf dem rechten Oberschenkel. Kleider und Gürtel seien locker angelegt, aber gleichmäßig geordnet! ... Hocke mit aufrechtem Körper, ohne nach links oder rechts zu neigen, oder dich nach vorne zu beugen oder nach rückwärts zu recken. Ohren und Schultern, Nase und Nabel müssen in gleicher Linie zueinander stehen. Die Zunge liegt am oberen Gaumen, Lippen und Zähne sind geschlossen, aber stes seien die Augen geöffnet. Schon ist die Körperhaltung bestimmt. Nun regle die Atmung. Wenn ein Gedanke aufsteigt, merke ihn; wenn du ihn gemerkt hast, laß ihn fahren! Beim langen Üben vergißt du die Objekte und gelangst von selbst zur Konzentration. Dieses ist die wesentliche Kunst des Zazen. Zazen ist das Dharma-Tor der großen Ruhe und Freude. Wenn du den Sinn der Übung erfaßt, fühlst sich der Körper von selbst leicht und beruhigt, der Geist erquickt und scharf, die rechten Gedanken grenzen sich scharf ab, Geschmack am Dharma fördert den Geist, Stille und lautere Freude herrschen, der Alltag entspricht dem natürlichen Zustand. Wenn du die Klarheit der Erleuchtung erlangst, bist du gleich dem Drachen, der Wasser hat, dem Tiger in den Bergen./Dogen Zen, S 38f)
Das bewußte Streben nach Erleuchtung schadet, Sinne nicht darauf ein Buddha zu werden. In der vollkommenen Übung ist die Erleuchtung. Das ist die wesentliche Aussage des Dogen-Zen. Das Zazen manifestiert und realisiert die Einheit von Übung und Erleuchtung. Der im Hocksitz Meditierende manifestiert die Buddha-Gestalt und realisiert seine Buddha-Natur, er ist ein lebendiger Buddha, auch wenn in seinem Bewußtsein kein plötzliches Erlebnis aufgeblitzt ist. Bei der Frage, was denn das für ein Sitzen ist, d.h. welcher Art, werden wir von Dogen wie folgt belehrt:
Den Buddha-Weg studieren heißt sich selbst studieren, sich selbst studieren heißt sich selbst vergessen, sich selbst vergessen heißt von allen Dharmas erleuchtet werden.

Alle Dharma, nämlich alle Dinge, das heißt das Universum oder Kosmos, sind ebenso wie das Selbst identisch mit dem Buddha. Diese Identität ist kein Gegenstand von Erkenntnis, sie liegt jenseits der Worte und wird in der Erleuchtung erfahren. Das Selbst vergißt sich und verschmilzt wie Universum und Kosmos in der Allwirklichkeit des Buddha. Seit Herbst 1252 machte sich eine deutliche Schwächung der Gesundheit Dogens bemerkbar. Seine ganze Sorge galt nun dem geistlichen Fortschritt der Mönchsgemeinde. Lange Stunden saß er mit den Mönchen in Meditation, er sprach zu ihnen in Predigten und Mahnreden. Als die Krankheit sich verschlimmerte übertrug er am 14. Juli förmlich die Nachfolge seinem vertrautesten Jünger Ejo, dem er ein selbst gefertigtes Priestergewand (Kesa) schenkte. Er verstarb am 28. August 1253 in Kyoto.

Der Name des ersten Nachfolgers Ejo ist bereits genannt. Er war viele Jahrzehnte Dogens Jünger und Freund. Nach seiner Einsetzung als Abt und Vorsteher brauchte er einen tüchtigen Verwalter, für die inneren Angelegenheiten des Klosters. Dies wurde Tettsu Gikai, eine wie Ejo herausragende vielseitig begabte Persönlichkeit. Bald zeigten sich jedoch Spannungen, die man sich vielleicht so erklären kann, daß Ejo sehr stark durch Dogen geprägt, auch streng die Tradition Dogens weiter pflegen wollte, sicher auch aus Respekt vor dem großen Meister, während der Jüngere, Gikai glaubte, daß die Zeitumstände sich so geändert hätten, daß eine Reform des Eiheiji-Klosters unumgänglich war. Richtete sich Dogens Bemühen hauptsächlich nach Innen, so spielte bei Gikai das Äußere eine große Rolle. Das Ideal eines Mönchtums in Armut und Einfachheit, von dem Dogen sich leiten ließ, trat zurück. Dafür gab es prächtige Bauten, Kultstätten usw.

Ejo bemühte sich um Verständnis für Gikai, förderte das harmonische Zusammenleben der großen Mönchsgemeinde. Aber schließlich trat Gikai zurück und lebte einige Jahre in der Umgebung des Klosters. Ejo mußte nochmals die Leitung des Klosters übernehmen. Als Ejo sein Ende nahen fühlte ordnete er an, für ihn keine eigene Gedächtnispagode zu bauen. Bis zum Ende hat er unter dem Gedanken gelitten, daß er Dogens Erbe nicht unversehrt weiterzugeben vermochte. Besonders tragisch ist es, daß er die Unruhen, die in den letzten Jahren in der Mönchsgmeinde ausgebrochen waren, seinem sündigen Karma zuschrieb. Im Gedenken an seinen Meister hatte er jedoch einen friedlichen Hingang.

Daß die Geschichte der Soto-Schule mit einem heftigen Nachfolgezwist beginnt, der zur Spaltung und fast zur Auflösung der Schule führt, ist eine bittere Tatsache.
Über die Motive und Gründe gibt es kaum zuverlässige Überlieferungen. Ein Problem war wohl der Umstand, daß Gikai nach dem Tod Ejos wiederum die Leitung des Klosters übernahm, was einem ausdrücklichen Wunsch Ejos entsprach. Allerdings besaß dieser Wunsch keine Rechtsgültigkeit, da Ejo selbst rechtsgültig auf das Vorsteheramt verzichtet hatte. Der Streit spitzte sich zu, als Gikai und seine Anhänger im Buddha-Tempel magische Riten und esoterische Praktiken ausübten, die in scharfem Gegensatz standen zu dem reinen Zen, wie es von einem Jünger namens Gi´en in der Nachfolge Dogens praktiziert wurde. Es ist ungeklärt, ob Gikai oder Gi´en als 3. Abt nach Dogen anzusehen ist. Das Eiheiji-Kloster war fast gänzlich abgebrannt. Es ist nicht bekannt, wo Gi´en tätig war. Seine Wirksamkeit war jedoch wenig glücklich, während Gikais Lebensabend durch einen Aufstieg gekennzeichnet ist. Er konnte einen Shingon Tempel in ein Zen-Kloster umwandeln.

Nach dem Tod von Gikai und Gi´en hatte der Nachfolgestreit noch einen Nachklang als zwischen den Jüngern ein Disput über die Frage entstand, welchem der drei Rivalen auf dem Gedenkstein der Titel des Vorstehers in der 3. Generation des Eiheiji zukomme. Die Regierung, bei der man um eine Entscheidung bat hielt sich heraus. Schließlich einigte man sich, sodaß heute als dritter Abt Gikai, als vierter Gi´en gilt.

Die Soto-Schule spaltet sich weiter in 5 Einzellinien, gekennzeichnet durch organisatorische und geistige Unterschiede, die sich teilweise überschneiden und für Außenstehende eher unverständlich sind. Ich will jetzt nur auf die 5. Linie eingehen, die geprägt ist von Keizan Jokin (1268- 1325) weil durch ihn die bedeutendste Organisation der Soto-Schule geprägt wurde. Keizan Jokin gilt als der Große Patriarch neben dem Hohen Patriarchen (Dogen) als die legendäre Gestalt. Seine erste Mönchsordination empfing er 12 jährig im Eiheiji-Kloster durch Ejo kurz vor dessen Tode. Ejo soll prophetisch in dem Knaben einen Hoffnungsträger für die Soto-Schule erblickt haben. Mit 17 Jahren machte er sich auf die Wanderschaft. Zurückgekehrt ins Tempelkloster öffnet sich ihm das Geistesauge während eines Vortrags, den Gikai über das 19. Beispiel des Mumonkan hält. Joshu fragt Nansen: was ist Tao? Nansen antwortet: der alltägliche Geist. Es schließt sich eine koanartige Szene an, in deren Verlauf der Meister seinem Jünger auf den Mund schlägt. Von dessen hoher Erleuchtung überzeugt, macht er ihn zum Dharma-Erben. Keizan ist schriftstellerisch tätig und ich möchte seine wundervolle Geisteshaltung aus einem seiner Werke zitieren:

Alle Buddhas erscheinen in der Welt wegen der einen großen Angelegenheit, den Lebewesen das Buddha-Wissen zu eröffnen und dies zur Erleuchtung zu führen. Es ist da eine stille, lautere, wunderbare Weise, sie heißt Zazen. Sie ist das Samadhi des Selbstgenusses oder auch das königliche Samadhi.

Große Buddha-Feiern und gewaltige Tempelbauten sind zwar sehr gute Werke, aber wer sich ganz dem Zazen widmet, darf solche nicht veranstalten...

Übe nicht Zazen an einem Ort, der sehr hell oder sehr dunkel, sehr kalt oder sehr heiß ist, noch auch nahe bei sich vergnügenden Menschen oder Freudenmädchen. In der Zen-Halle, bei gutem Meister, tief in den Bergen oder im dunklen Tal darf man getrost verweilen. Bei grünem Wasser und auf lichter Berghöhe ist der Ort für die Gehübung, am Bach im Talgrund und unter Bäumen ist der Ort für die Klärung des Geistes. Das Sitzkissen soll man dick ausbreiten, so hockt man bequem. Der Übungsort sei sauber. Wenn man beständig Weihrauch brennt und Blumen darbringt, sind die guten Schirmgötter des Dharma, die Buddhas und Bodhisattvas unsichtbar zugegeben und verleihen Schutz. Wenn man Bilder von Buddhas, Bodhisattvas und Arhats aufstellt, vermögen keine Teufel und Dämonen zu nahen. Stets wohne im großen Mit-leiden und wende die unermeßlichen Verdienste des Zazen allen Lebewesen zu.
Nur Zazen (Shikantaza) , das ist seine Linie und damit stellt er sich ganz dicht neben seinen großen Lehrer Dogen.

Wenn wir die eingeschlagene Linie weiter gehen dann kommen wir zu Gasan, wir sind jetzt im 14. Jahrhundert. Gasan ist nicht nur zu erwähnen weil er das Soto-Zen zu neuer Blüte gebracht hat, sondern weil er von warmer Menschenliebe angetrieben, sich um die Belehrung des armen Landvolkes bemühte und seinen Jüngern eine soziale Gesinnung, ein Bodhisattva-Herz, einzupflanzen. Darüberhinaus aber, führte er die dialektische Formel von den Fünf Stufen wieder ein. Diese 5 Stufen boten den theoretischen Lehrgehalt, dessen die Schule zur Befriedigung der intellektuellen Bedürfnisse ihrer Anhänger bedurfte und war zeitweise wichtiger als Dogens Hauptwerk. Die Formeln gehören zum festen Lehrbestand der japanischen Soto-Schule.

Dieses Kapitel kann nicht abgeschlossen werden, ohne eine schöne Entwicklung anzusprechen. Und zwar die Restauration des Eihei-ji und seine Rolle für die Zukunft.

Gikai und Gi´en, die Häupter der zwei streitenden Parteien hatten das Tempelkloster des Dogen verlassen. Nur eine kleine Jüngergemeinde hütete Dogens Erbe. So fristete das stille Mönchskloster Eihei-ji ein Schattendasein neben den mächtig aufblühenden Tempeln der Keizan-Gasan-Linie. Der endgültige Niedergang des Eihei-ji war erreicht, als 1473 während eines Bürgerkrieges Soldaten die kümmerlichen Reste des Klosters völlig niederbrannten.

Hilfe kam von außen und zwar von der mächtig gewordenen Keizan-Gasan-Linie, in der man den Gründer Dogen und damit auch sein Lebenswerk, den Eihei-ji nicht vergessen konnte. Ca. 1500 suchte ein Meister mit gleichgesinnten Gefährten die Trümmerstätte auf und setzte die Wiederherstellung der Baulichkeiten in Gang. Die Brücke zur Wiedervereinigung war geschlagen, denn von nun an besuchten Jünger sowohl der Keizan als auch der Gasan-Linie den Tempel und ein neuer Aufstieg begann. Hinzu kamen Ehrungen von höchst kaiserlicher Stelle. 1507 verlieh der Kaiser dem Tempel den Titel "Erste Übungsstätte des japanischen Soto-Zen" wenig später wurde hinzugefügt: "Erste überweltliche Übungsstätte". Damit war das Eiheiji-Kloster an Rang dem Nanzenji der Rinzai-Schule gleichgestellt. Alle Soto-Tempel wurden dem Eihei-ji unterstellt. Die Soto-Schule hatte ein Zentrum und entfaltete sich zu einer umfangreichen buddhistischen Populärreligion, aber bewahrte in ihrem Wesenskern die Zen-Meditation, als elementare Mitte. "Vom Dogen-Zen zum Soto-Zen", so kann man die Entwicklung beschreiben. Seine hohe Gestalt schwebt über dem Wandel, auch wenn Soto-Mönche bewußt eine Abkehr von ihrem Gründer vollzogen haben. Das ist oft so, weil es Nachfolgern nicht möglich ist, den Weg eines genialen, schöpferischen Gründers gradlinig fortzusetzen.

Dem uns bereits bekannten Keizan gelang in dieser Zeit der kräftige Eingang der Soto-Schule in die Landbevölkerung und dem verarmten Landadel, während Rinzai sich bei den Samurais und dem Hochadel ausbreitete. Deshalb wird Soto auch als "Bauernzen" bezeichnet. Die Religiosität des Soto-Zen durchdrang auf dem Lande das gesamte Volksleben. Die Mönche sahen ihre Hauptaufgabe darin, die religiösen Bedürfnisse und Wünsche der bäuerlichen Bevölkerung zu erfüllen. Sie beteten mit ihren Leuten für Wohlergehen, um Schutz vor Unwetter, um reiche Ernte und Kindersegen. Besonders glaubhaft wurden sie durch ihre Solidarsierung mit dem Volk, wenn sie mit den verarmten Bauern auf die Felder zogen und harte körperliche Arbeit mit ihnen teilten. Sie leisteten soziale Hilfe beim Brückenbau, bei der Bewässerung der Reisfelder usw. Das Bodhisattva-Ideal fand seit eh und je seine Bewährung in konkreten Dienstleistungen.

Das Soto-Zen verlor bei aller Volkstümlichkeit nicht die Beziehung zur Zen-Meditation. Den Mönchen, die in ihren Klöstern übten, wurde alles zu Zazen. Auch die Menschen die betreut wurden, wurden zur Zazen-Übung angeleitet. So wurden Zazenkai (also eigentlich Tageszazen) eingerichtet, beliebte Gemeinschaftsmeditationen. Aber auch an längeren Trainings, also Sesshin, nahm die Bevölkerung teil. Das Rohatsu-Sesshin vom 1.-12. Dez. in Erinnerung an die
Erleuchtung Shakyamunis wurde geübt.

Am Ende dieser Epoche hatte sich das Soto-Zen gewandelt, jedoch behielt das Zazen, die umfassende Grundübung des Dogen-Zen, den ersten Platz. Damit ist gemeint das Shikantaza. Dagegen war das Koan eher zurückgetreten, blieb jedoch im Gesamt der Soto-Bewegung erhalten. Die beiden Schulen haben trotz vieler Reibereien einander niemals ernsthaft den Zen-Charakter und die ununterbrochene Traditionslinie zum Zen abgesprochen.

In der Folgezeit, also 17. und 18. Jahrhundert wurde großen Wert auf die Bildung der Mönche gelegt, die in den Landtempeln ihren Dienst tun sollten. Immerhin hatte der Sojiji-Tempel, also Gasans Erbe, 16179 Zweittempel, das Eihei-ji brachte es auf 1370 Tempelanwesen. Es ist verständlich, daß bei dieser Größe Mißbräuche, Liberalisierungen nicht ausblieben, sodaß immer wieder Restaurationen, Reformwerke nötig waren, um einerseits das Erbe zu bewahren, andererseits aber den neuen Herausforderungen gerecht zu werden. Eine große Hilfe dabei waren die vielen hinterlassenen Schriften von Dogen, seine 75 Bücher, die halfen, nicht das Erbe zu verlassen. Die schriftstellerische Produktivität der Soto-Schule erreichte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein beträchtliches Ausmaß. Herausragend ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit Metaphysik und die Formulierung und Erarbeitung einer Berufsethik für den Landmann, den Handwerkerstand und den Kaufmann.

Einen breiten Raum der weiteren Entwicklung nahmen in dieser und der Folgezeit die Probleme der Institutionalisierung, kulturelle Aufgaben, z.B. Schulbildung, damit auch Anpassung und Widerstand, Einflußnahme des Staates, Abhängigkeiten usw. ein.

Zu Beginn der Neuzeit war innere Erneuerung angesagt. Die verantwortlichen Männer hielten an der Gründertradition Dogens fest. Der Erneuerung der Zen-Meditation dienten zwei Mönchshallen, in der je bis zu 80 Novizen übten. Das ursprüngliche Mönchsideal Dogens, in dem die Kraft des Soto wurzelt, sollte um jeden Preis erhalten bleiben. Befruchtend, häufig aber auch Kräfte zehrend wirkte sich die Existenz der beiden Tempel Eihei-ji und Soji-ji aus. Es gab Rivalitäten um Einfluß und Macht, aber auch fruchtbare Zusammenarbeit z.B. in der Herausgabe einer Schrift, in der in verständlicher Sprache die Hauptlehren Dogens dargestellt wird, um den Menschen sehr fundierte Anweisungen für das Verständnis von Zen-Buddhismus und zu ihrer Meditationsübung zu geben.

Noch mehr bei Rinzai, aber auch bei Soto werden Spannungen sichtbar, Abhängigkeiten im Verhältnis zum Kaiserhaus. Von manchen Meistern sehr klar erkannt mit der Kraft, sich abzugrenzen, von andern gerne in Anspruch genommen, weil die Einsetzung durch den Kaiser automatisch mit Einfluß und Macht verbunden war. Mitten in dieser Welt in Freiheit zu leben bleibt wohl eine Aufgabe, vor die jede Generation und jede übende Person neu gestellt ist und die umso schwieriger zu lösen ist, je mehr aus einer geistig-geistlichen Bewegung eine Institution wird.

So ist es nicht verwunderlich, daß während des 2. Weltkrieges auch die Soto-Linie nicht frei war in ihrer Abgrenzung zum Nationalismus des japanischen Kaiserhauses und sich - von wenigen Ausnahmen abgesehen - sowohl theologisch als auch praktisch in den Dienst des Krieges stellen ließ. Ja, es ist wichtig, von einer geradezu unheimlichen Allianz von Zen, Nationalismus und Militarismus zu sprechen. Daß bis zum heutigen Tag nur von einigen Soto-Tempeln, nicht aber von der Gesamtheit des Soto ein Schuldbekenntnis gesprochen wurde, gehört wohl zu den dunkelsten Stellen in seiner Geschichte. Dies ist keine Verurteilung, sondern erfüllt mich mit großer Trauer, muß jedoch um der Redlichkeit willen, erwähnt werden.

Vielleicht wird es eines Tages wichtig sein das Verhältnis des Buddhismus, bzw., des Zen zum Staat in seiner wechselvollen Geschichte näher zu bedenken, um Perspektiven für den Einzelnen aber auch für eine Sangha zu entwickeln.

Eine weitere Herausforderung sehe ich in der Rolle und dem Einfluß der Frauen im Zen des 21. Jahrhunderts. Bei allem Respekt und größter Hochachtung vor den Nonnen - seit Shakyamuni erlaubt und durch seinen Lieblingsjünger Ananda gegen Shakyamunis ursprüngliches Nein durchgesetzt, bleibt zu bekennen, daß sie in der Traditionsfolge keine Rolle spielen. Veränderungen in Richtung selbstverständlicher Einfluß von Frauen auf die Geschichte des Zen haben in der Neuzeit begonnen, müssen jedoch als Aufgabe erkannt und bewußt unterstützt werden.


Ich komme zum Schluß und erwähne drei Männer, die wesentlich dazu beitrugen, daß sich Zen und hier speziell Soto-Zen im Westen verbreitete.

Der erste war Shunryu Suzuki, ein Priester der Soto-Schule. Er ist 1959 nach San Francisco gekommen, um der kleinen Gemeinde der dort lebenden Japaner als Priester zu dienen. Er hatte keine Beauftragung und auch keinen Plan, aber die Überzeugung, daß es Menschen gäbe, die seine Zen-Praxis lernen und annehmen würden. Tatsächlich versammelten sich kleine Gruppen, für die tägliches Zazen zum festen Bestandteil ihres Lebens und damit zur Praxis wurde. Und was für Suzuki wichtig war, war die gemeinschaftliche Übung. Suzuki hat eine bestimmte Art gehabt mit Dingen umzugehen - Pflanzen, Steinen, Möbelstücken. Man konnte daran erkennen, daß er mit der Welt im Einklang lebte. Bei seiner Ordination mit 13 Jahren wurde er von seinem Meister "Krumme Gurke" genannt. Also etwas, das man wegwirft. Sein Meister sagte, er täte ihm Leid, weil er nie gute Schüler haben werde. Man sieht auch Meister können irren. Allein das Buch "Zen-Geist, Anfänger-Geist" eine Sammlung von Vorträgen, ist in mehr als einer Million Exemplaren und in einem Dutzend Sprachen verkauft worden. Er hatte eine frische Art, sich des Lebens anzunehmen, darüber zu reden, eine unglaubliche Energie und einen ansteckenden Humor. Suzuki ist wohl der Pionier, der Zen in den Westen, sprich in die USA, brachte. Er hat die Probleme der Institution, sozusagen das Soto-Papsttum, erkannt und sich davon getrennt und eine eigene Traditionslinie aufgebaut, die von den Soto-Päpsten bis heute beargwöhnt wird, an deren Echtheit jedoch niemand zweifeln kann. Die Leute in dieser Tradition werden als die Revolutionäre bezeichnet, weil sie sich um vielen formalen Kram nicht kümmern. Der freie Umgang mit den Traditionen, wie wir ihn bei unserem "Urgroßvater" Kobun Chino Roshi erleben, geht sicher zu einem großen Teil auf die Zeit zurück, die Shunryu Suzuki und Kobun Chino in gemeinsamer Arbeit erlebt haben.

Ein anderer wichtiger Überbringer des Soto ist Taisen Deshimaru. geb. 1914, kommt er 1967 nach Paris als einfacher Zen-Mönch, ausgestattet mit der Kesa, ein paar Büchern, fristet er ein armes Leben verdient ein wenig Geld mit Shiatsu-Massagen, verschenkt und verkauft von ihm kalligraphierte Gedichte. Vor allem aber übt er Zazen. Aufgrund seines Mitgefühls findet er schnell Kontakte, wird von einer Yoga-Gruppe eingeladen, mit ihnen Zazen zu üben, bald leitet er die ersten Sesshins in Südfrankreich. Es kam zu ersten Dojo-Gründungen, die Teilnehmerzahlen wuchsen so, daß man sich entschloß im Tal der Loire ein Schloß zu kaufen, das aus- und umgebaut wurde. In dem dazu gebauten Dojo, das nur von Zen-Übenden erbaut werden durfte, können bis zu 400 Personen trainieren. Deshimaru entfaltete eine große schriftstellerische Tätigkeit und fand eine riesige Schülerschar in Frankreich, Deutschland, Niederlande usw.

Meister Deshimaru starb 1982. Neunundvierzig Tage lang übten seine Schüler Zazen in ununterbrochenem Schweigen. Seine Asche wird dreigeteilt: Familie, Tempel in Japan und Haupttempel im Tal der Loire.

Bis heute gibt es in Frankreich, Spanien, Deutschland, Holland Zentren in seiner Linie. So klar und eindeutig die Gestalt Suzukis gewesen ist, so zweideutig und umstritten ist die Person Deshimarus sowohl was seine Beauftragungen als auch seinen Lebenswandel betrifft. Sein Wirken, seine Strahlkraft jedoch wird von kaum einem übertroffen. Manche sagen, genau wie Bodhidharma vor 1400 Jahren das Zen von Indien nach China brachte, genau wie Dogen es vor siebenhundert Jahren nach Japan holte, hat es Meister Deshimaru nach Europa gebracht. Sein Erbe wird weiter geführt von der Association Zen International.

Der dritte Lehrer im Westen ist Fumon S. Nakagawa. Er ist ein japanischer Meister, der seit über 20 Jahren in Deutschland arbeitet, in einem Tempel in der Nähe von München. Er gilt in der Szene als Vertreter der offiziellen Soto-Tradition, also der japanischen Institution und wird von manchen als Soto-Papst- Vertreter bezeichnet. Nach allem was mir von ihm erzählt wurde ist er ein hervorragender, strenger Vertreter der Tradition mit großem Einfühlungsvermögen. Was ihn besonders auszeichnet ist seine Erfahrung der östlichen Kultur und seine langjährige Erfahrung mit westlicher Kultur.

Alle drei genannten Vertreter oder Linien zeichnen sich durch das aus, was wir bei Meister Dogen kennen gelernt haben: die eindeutige Betonung und das Bemühen um ernsthafte Zazen-Praxis, sie besteht aus der Übung des Zazen und dem Mitgefühl für alle Wesen. D.h. die Zen-Praxis bezieht sich nicht nur auf das Zazen, vielmehr wird der Alltag zum Übungsweg, vom Zazen durchdrungen, jeder Augenblick wird zum Koan, und ich werde nach meiner Zen-Antwort gefragt. "..man muß sehen, wie man mit sich selbst als dem einzigen wirklich lebenslang gelebten und zu übenden Koan eins werden und bleiben kann." (Begegnungen auf dem Zen-Weg, Peter Zürn).

Ich schließe meinen Vortrag mit einem großen Gefühl der Dankbarkeit und der Verpflichtung allen Dharma-Vorfahren aus Indien, China, Japan und Europa gegenüber. Meine Dankbarkeit gilt denjenigen, die ich erwähnt habe, genauso sehr aber auch allen Ungenannten, die in irgend einem kleinen Landtempel, von der Nachwelt unerwähnt, in Treue dem Dharma dienten. Sie gilt den vielen Frauen, die eher unbeachtet von der Nachwelt mit großer Konsequenz den Dharma-Weg gingen. Die Geschichte des Zen, wie ich versucht habe sie zu beschreiben, mit ihren Höhen und Tiefen, ihrem Reichtum und ihren menschlichen Schwächen, wird für mich zu einer einzigen Verpflichtung, die sich am besten in unserem Gelöbnis formulieren läßt: Buddhas Weg ist unübertroffen, ich gelobe ihn zu verkörpern. Habt eine gute Praxis, sagte Kobun Chino Roshi zu mir. Das gebe ich an euch weiter.

Der Text ist nur für den internen Gebrauch bestimmt und die Ausführungen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit.


Literaturangabe:
- Geschichte des Zen-Buddhismus, Heinrich Dumoulin, Francke Verlag Bd. 1 und 2
- Schweigen-Blüte-Lachen, Jacques Brosse, Walter Verlag
- Zen, Nationalismus und Krieg, Brian Victoria, Theseus Verlag
- Dogen Zen, Kleine Schriften der Soto-Schule, Theseus Verlag
- Bodhidharmas Lehre des Zen, Theseus Verlag
- Die Jünger Buddhas, Thera/Hecker, O. W. Barth Verlag
- Lexikon der östlichen Weisheitslehren, O. W. Barth Verlag