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Weg zum Selbst: Zen-Wirklichkeit (von Uchiyama Roshi) - Kapitel 1

(10. April 2004)

Das Buch "Weg zum Selbst - Zen-Wirklichkeit" von Uchiyama Roshi zählt ohne Zweifel zu den besten Büchern über den Weg des Zen, den Weg des Zazen.
In einer gerade für Anfänger geeigneten Sprache erklärt Uchiyama Roshi die Essenz des Zen, nicht als etwas mystisches geheimnisvolles, sondern als Weg zum Selbst durch die Praxis des Zazen.

Leider wird das Buch seit einigen Jahren nicht mehr aufgelegt wodurch es vielen Interessierten nicht mehr zugänglich ist. Daher habe ich mich entschlossen die wichtigsten Kapitel des Buches hier anzubieten.

Vielen Dank an dieser Stelle an den O.W. Barth Verlag für die freundliche Genehmigung den Text hier veröffentlichen zu dürfen.


SINN DES ZAZEN

Ameisen in einer Zuckerbüchse

Eines Tages erhielt ich den Besuch eines fünfzigjährigen Amerikaners jüdischer Abstammung; er war Direktor eines amerikanischen Unternehmens. Ich spreche nicht Englisch, doch war mein Besucher von einem sehr geübten Dolmetscher begleitet, und so war es leicht, uns gut zu verständigen. Die erste Frage meines Gastes war folgende:
»Ich bin wirtschaftlich gut gestellt, habe eine nette Familie, jedoch begann ich vor etwa zehn Jahren anscheinend ohne irgendeinen Grund eine große innere Leere zu fühlen. Da machte ich mich zunächst an das Studium der jüdischen Religion, dies brachte mir jedoch keinen inneren Frieden. Dann bemühte ich mich mit noch größerer Anstrengung um die christliche Religion, jedoch dies befriedigte mich immer noch nicht. Da hörte ich vor einigen Jahren vom Zen sprechen, und ich fragte mich, ob ich darin eine Lösung finden könnte. Seit jener Zeit habe ich Zen studiert. Nun kam ich nach Japan, um Zen noch näher kennenzulernen. Was denken Sie, warum ich mit meinem Leben so unfroh bin?«

Meine Antwort angesichts des freimütigen Bekenntnisses und der Frage des Mannes war:
»Sie haben vielleicht bei der Suche nach Ihren Daseinswerten und dem Grunde Ihrer Existenz oder nach deren Grundlage und Bewertung nur an Dinge gedacht, die außerhalb Ihrer selbst liegen. Sie haben zum Beispiel den letzten Wert in Dinge verlegt, die Ihnen gehören, in Ihre Arbeit oder vielleicht in die Meinung anderer Leute über Sie.
Dabei haben Sie noch nicht Ihr wahres Ich entdeckt. Daher sind Sie wohl unfroh.
Mit anderen Worten: könnte es nicht sein, daß Ihr Leben unbefriedigt blieb, weil Sie immer nur außerhalb Ihrer selbst leben? Sie versuchten, alle Ihre Beziehungen zu den anderen in der Waage zu halten, und Sie haben nicht Ihr eigentliches Selbst verwirklicht.«
Meine kurze Antwort schien ins Schwarze getroffen zu haben.
Mein Besucher nickte, sichtlich betroffen:
»Sie haben es ausgesprochen. Ich bin wohl zu diesem Gefühl der Einsamkeit gekommen, weil ich ständig in meinem Leben nur versuche, meine Beziehungen zu den anderen ins richtige Gleichgewicht zu bringen.«
Da der Mann meine Antwort ohne jedes Zögern bestätigte, war eine weitere Erklärung überflüssig. Er fuhr nun fort:
»Was soll ich jetzt tun?«
»Um Ihre Lebensangst zu verlieren, würde es Ihnen nichts nützen, außerhalb Ihres Ichs herumzuwandern. Es ist sehr wichtig, zu erfassen, daß
>das Selbst die Wahrheit seines wahren Selbst lebt<
und daß >das Selbst in seinem wirklichen Leben lebt<.«

Zazen ist die Verwirklichung dessen. Mein verstorbener Lehrer Sawaki Kodo Roshi (gest.1965) pflegte immer zu sagen:
»Zazen ist das Selbst, welches das Selbst in das Selbst hineinbaut.«
Wieder nickte mein Gesprächspartner: Er hatte eine ähnliche Antwort wohl erwartet und sagte:
»Genauso stellte ich mir Zazen vor. Bitte erlauben Sie mir, hier mit Ihnen Zazen zu üben!«
Es waren meine Entgegnungen zu den genannten Fragen nicht etwa bloß meine persönlichen Ansichten. Diese Worte sind seit uralter Zeit in den buddhistischen Sutras niedergelegt.
Im ältesten buddhistischen Sutra, Suttanipada genannt, steht es:
»Von anderen abhängig zu sein, bedeutet Verlust des Gleichgewichtes.«
Und im ebenfalls uralten Dhamma-pada heißt es:
»Die Stütze des Selbst ist einzig das Selbst.«

Warum habe ich unser kurzes Zwiegespräch an den Beginn meiner Arbeit gestellt? Wohl, weil ein Mensch nur ganz ausnahmsweise so rasch und mit solcher Offenheit und Demut die zwei einfachen, jedoch sehr wichtigen Sätze der alten Sutras hinnimmt, die ich angeführt hatte. Es scheint mir, daß dieser Mann diese wesentlichen zwei buddhistischen Kernworte, die ich nannte, so willig und so völlig annahm, weil sein Geist eben dafür reif war.
Jedoch glaube ich, daß es für die meisten Menschen einer weiteren und längeren Erklärung bedarf, um zu diesem Verständnis zu gelangen.
Warum jedoch sollten die Wohlhabenden und in jeder Beziehung reichen Amerikaner in der heutigen Welt eine solche innere Leere fühlen? Ich sprach jetzt von Amerikanern; wie kommt es, daß darüber hinaus so viele Menschen aus reichen Ländern wie England, Frankreich, Westdeutschland, Schweiz, Kanada, Australien und anderswoher, die in ihrem Leben die Einsamkeit spüren und die nun nach dem Zen suchen, ihre Schritte gerade nach dem armen Japan und nach diesem ärmlichen Antai-ji Kloster lenken?
Zunächst schien mir dies sehr merkwürdig; nun aber, da ich diese Menschen aus der Nähe kennengelernt habe, glaube ich, ein wenig zu verstehen, was sie fühlen und was in ihnen vorgeht. Ich möchte die Menschen der hochentwickelten Länder Europas und Amerikas mit Ameisen vergleichen, die in eine Zuckerbüchse gefallen sind.


Ameisen in der Zuckerbüchse:
Rechts: der Japaner, das >economical animal<,
in der Mitte: der durchschnittliche Amerikaner,
links: der Schwarze in den USA.


Halten wir einen Augenblick dieses Bild fest und versetzen wir uns in die Lage der Insekten: Ihr Bäuchlein ist gefüllt, sie speichern alle Süße des Zuckers in sich auf, bis die ganze Welt um sie, alles was sie hören und sehen, nur noch Zucker ist. Wenn sie menschliches Gehirn besäßen, würden sie dann nicht ganz natürlich die Leere des Lebens fühlen?
Schließlich und endlich haben sie in der Zuckerbüchse nichts mehr zu tun ... wenn sie Menschen wären, würden sie sich zu ihrem Tröste berauschen mit LSD und Marihuana und würden beim Selbstmord landen...
Ich habe mich hier über Europäer und Amerikaner amüsiert, die in die Zuckerbüchse gefallen sind. Dabei muß ich jedoch auch an die Lage der japanischen Gesellschaft denken. Meine Karikatur trifft auch auf den heutigen Japaner zu. Tut er nicht sein möglichstes, um in der Zuckerbüchse zu landen? Er folgt einer Straße von aufgestreutem Zucker, die ihn zur Büchse führt, und denkt: »Wie schön wäre es, hier hineinzufallen!« In der ganzen Welt sind die Japaner als die »economic animals« verschrien; sie selbst sind dabei, in die Zuckerbüchse zu fallen, während sie sich zu einer der großen Wirtschaftsmächte entwickeln. Als Japaner fühle ich das Peinliche dieses Vergleiches, jedoch entspricht er den Tatsachen.
Schließlich kommt noch eine weitere Gruppe von Menschen hinzu, die Farbigen in Amerika. Sie blicken von außen her in die Zuckerbüchse, in der die Weißen fett werden.
Wenn wir meinen, die Ameisen, die bereits im Innern sind, wären am besten dran, die anderen, die alles daransetzen, hineinzufallen, kämen als nächste; und die Tierchen, die sich mit ihren Füßchen gegen die Außenwand stemmen, seien am schlimmsten dran, so ist unsere Idee die Folge einer rein wirtschaftlichen Einstellung als »economic animal«. Blicken wir jedoch auf die drei Gruppen von Ameisen aus der Schau des wahren Lebensgrundes, so sehen wir sie alle auf einem ausweglosen Weg. Ihr aller Leben ist der Versuch - um wieder zum Menschlichen zurückzukommen —, eine Existenz aus vielerlei äußeren Beziehungen aufzubauen und dabei völlig die Schau des wahren Selbst zu verlieren.
Dies ist der Grund, weshalb wir Menschen von heute nicht mehr aus dem Selbst heraus unser Leben gestalten.
Von da ausgehend, müssen wir weiterdenken, und die erste Frage, die sich uns dabei stellt, heißt: Wie steht es um das, was wir gewöhnlich das »Ich« nennen?



Von anderen abhängig zu sein, bedeutet Verlust des Gleichgewichts.

Was ist das, was wir gewöhnlich das »Ich« nennen?
Es scheint, als käme das »Ich« zum Vorschein, sobald wir es in Gegensatz zu anderen Menschen setzen, in der Begegnung mit anderen.
So sieht sich der Mann als Gatte in bezug auf seine Frau und als Vater in bezug auf sein Kind; bei seiner Arbeit sieht er sich als Untergebener in bezug auf seine Vorgesetzten, und, falls er untüchtig ist, auch in bezug auf seine tüchtigeren Kollegen. Wir sehen uns als »Ich« innerhalb einer bestimmten sozialen Struktur. Der Geschäftsmann sieht sich in bezug auf seine Kunden; der Unternehmer in bezug auf seine Konkurrenz, der arme Mann in bezug auf einen reichen. Ich sage mir z.B.: »Ich kann dies Ding nicht kaufen«, wenn der Gegenstand meines Wunsches jenseits meiner Möglichkeiten liegt. Der Verlierende sieht sich dem Gewinnenden gegenüber, der machtlose einzelne hat die Gesellschaft gegen sich. Kein Wunder, wenn ein Mensch, der sich seiner bewußt ist, angesichts solcher Gegensätzlichkeiten zu einem Minderwertigkeitsgefühl, ja, zu einer Nervenstörung gelangt.
Vielleicht aber auch geht im Menschen, der über seine Minderwertigkeit gegenüber den anderen nachdenkt, etwas anderes vor. Anstatt gekränkt und bitter zu werden und an seinem Komplex zu leiden, mag ein bestimmtes Selbstbewußtsein in ihm sich dagegen wehren (wie es gegenwärtig der Fall ist bei den japanischen »economic animals«). Der Mensch sagt sich: Gut, ich will hart arbeiten und viel dazulernen. Ich will den anderen nacheifern, zu Geld, zu einer Stellung, zur Tüchtigkeit, zu Ruhm gelangen; eines Tages hole ich sie ein und übertreffe sie noch. Ich will gewinnen!
Wieweit kommt man mit einer solchen Einstellung?
Was geschieht, wenn jemand mit diesen Ideen zu einer Stellung gelangt, in welcher er sich entsprechend höher und im Gegensatz zu den anderen fühlen kann, die sich ihrer Minderwertigkeit bewußt sind?
Dem Anschein nach hat sich seine Lage völlig geändert. In Wirklichkeit jedoch stehen noch beide, der Reiche und der Arme, auf der gleichen Ebene. Warum wohl?
Der Grund dafür ist, daß die Menschen ihr »Ich« als etwas betrachten, was von außen her bestimmt wird, als etwas, das anderen Menschen und Dingen gegenübersteht. Im wesentlichen besteht keinerlei Unterschied zwischen unseren beiden Beispielen. Wenn wir in einer solchen Einstellung leben und glauben, daß unser »Selbst« in der Gegenüberstellung zu anderen besteht, verlieren wir, dies ist der objektive Schluß, das wahre Selbst, das Wesen des Lebens.
Jean-Jacques Rousseau schrieb in »Emile« folgenden Satz: »Jeder Mensch, ob er ein König, ein Adliger oder ein Millionär ist, kam nackt und arm zur Welt, und wenn er stirbt, so muß er nackt und arm sterben.«
Wir dürfen aber fragen: Bedeutet das etwa, daß wir immer, während der ganzen Zeit zwischen Geburt und Tod nackt sind? Die Frage erscheint überflüssig, denn alle von uns tragen in der Zwischenzeit verschiedene Arten von Hüllen: seien es fabelhafte, königliche Gewänder, oder aber, für manche während ihres ganzen Lebens, elende, grobe Lumpen. Der eine trägt eine Uniform, der andere ein Sträflingskleid, der dritte die Mönchskutte.
Ich denke dabei nicht nur an das aus Stoff gefertigte Kleid, sondern an all das, was die soziale Lage des Menschen ausmacht: Beruf, Familie, Ruhm, Geld... All diese sind bloß Hüllen, denn es kommt immer wieder der Augenblick, in welchem alles vom Menschen abfällt wie ein Kleid.
Wie schön auch eine Frau sein mag, es kommt einmal die Zeit, da ihr Aussehen das einer alten Frau ist. Auch das größte Genie wird am Ende altersschwach. So gibt es hundertfache »Hüllen«, in die wir gekleidet sind: Überheblichkeits- oder Minderwertigkeitsgefühl, Glück und Unglück, ferner alle die Ismen, die Zugehörigkeit zu einer Rasse, zu einem Volke. Gewiß, wir wechseln manchmal und ändern unsere Weltanschauung, unseren Ismus; wenn es jedoch ans Sterben geht, streift dann nicht der Mensch sogar seine letzte Hülle ab, selbst seine Volkszugehörigkeit, und stirbt als ein völlig nacktes »Ich«?
Obwohl es außer Frage steht, daß wir zwischen unserer Geburt und unserem Tode nur Hüllen tragen, sind trotzdem fast alle Menschen nur um diese besorgt. Sie konzentrieren ihr ganzes Leben auf die Frage: welch schönes »Kleid« soll ich anziehen? Stimmt es nicht, daß sie sich niemals Fragen stellen wie diese:
Was ist das Selbst, das die Wirklichkeit des Lebens bedeutet?
Was ist das nackte Selbst?
Mit anderen Worten: Ob wir nun, wie oben gesagt wurde, in Beziehung zu anderen Menschen leben oder mit Rücksicht auf unsere Stellung innerhalb der Gesellschaft, es kommt auf dasselbe hinaus: wir leben in unserem »Ich«, jedoch nicht in der Wirklichkeit des wahren Selbst.
Was uns während unseres ganzen Lebens interessiert, sind unsere »Kleider« oder ein Selbst, von außen her und durch die anderen bestimmt. Wir scheinen anzunehmen, daß dieses das Leben ausmacht.
Solange wir dabei stehenbleiben, ist es durchaus nicht verwunderlich, daß die Menschen ihr Leben als leer empfinden. Gleichgültig, ob sie an Minderwertigkeit leiden, ob sie sich anstrengen, mehr Erfolg zu haben oder ob sie sich anderen überlegen fühlen: Es ist natürlich, daß sie alle die gleiche Leere in ihrem Leben empfinden.
Der Mensch lebt in Abhängigkeit von anderen.
»Von anderen abhängig zu sein, bedeutet Verlust des Gleichgewichts.«
Der Mensch kann nicht den wahren Frieden des Herzens finden, bis er in der Wirklichkeit des Selbst lebt, bis für ihn »die Stütze des Selbst einzig das Selbst« wird.


Kosho Uchiyama Roshi



»So bin ich und nicht anders«

Zazen üben heißt nicht: mich selbst als ein Etwas denken, das durch die Beziehungen zu äußeren Dingen bestimmt wird; es bedeutet vielmehr, aus der Wirklichkeit des Selbst zu leben.
Sobald wir in die Zen-Welt eintreten, stellen wir uns vor allem in die »Welt der Praxis«: Wir wollen die Wirklichkeit des Lebens leben.
Dies ist in der Tat nichts Außergewöhnliches, wenn es auch für die Ohren des heutigen Menschen sehr fremd klingen mag. Gehören doch diese Ausdrücke einer Welt an, die dem westlichen Denken und unserem täglichen Leben fremd ist.
Wir leben also gewöhnlich nur als ein »Ich«, das mit der Welt verbunden ist, das bloß einen sozialen Anschein und nur eine oberflächliche Einstellung der Welt besitzt... Mit anderen Worten:
Wir haben von unserem Ich eine fixe Vorstellung; wir sehen es in seinem Werte, seinem Grunde und in seinem erkennbaren Umfange durch die anderen bestätigt.
Wir bilden uns leicht ein, in unserem praktischen Leben unser wahres Selbst zu verwirklichen, als wäre es etwas Außergewöhnliches.
Dies ist ein Irrtum im östlichen Denken.
Das Denken des Westens hat jedoch noch in einer anderen Art seine Blicke von der »Wirklichkeit des Lebens« abgewendet. Das westliche Denken, das im alten Griechenland begann, gewöhnte sich allzusehr daran, alles Existentielle durch den Logos (d.h. den sprachlichen Ausdruck) zu erfassen. Dies bedeutet: Wenn wir uns des Logos bedienen, um ein Ding zu begreifen, so bauen wir damit eine äußere Beziehung von Ding zu Ding. Der Westen hat sich allzusehr daran gewöhnt, in dieser Weise die Dinge zu definieren, und daher trachtet er sogar, das Selbst und das Leben durch Definition zu erfassen. Dabei müssen wir folgenden wichtigen Umstand festhalten: Sogar unser Vermögen, alle Dinge durch Erklärung ihres Inhalts (Definition) zu verstehen, kommt aus dem Leben-des-Selbst. Dies letztere aber kann nicht durch Erklärung bestimmt werden. Es ist dies Etwas, das als wirkliche Erfahrung vorhanden ist, selbst wenn es nicht verstanden und definiert wird.
Obwohl nun diese Tatsache als etwas Natürliches anerkannt werden sollte, kann sie nicht leicht von der westlichen rationalistischen Denkmethode erfaßt werden. Sobald jemand über die Wirklichkeit nachdenkt, die bereits vor jeder Definition spekulativen Denkens existiert, so schafft dieser Vorgang selbst eine Definition.
(Der Mensch des Westens fragt sich: Hat diese Wirklichkeit nicht ihren Daseinswert verloren, wenn sie nicht definiert wird?) Daher kommt man zum irrigen Schluß zu denken, die Definition selbst sei das wirkliche Ding.
Die Grundlage des Buddhismus, der in Indien begann, ist jedoch die Wirklichkeit des Lebens, die sich in absoluter Weise jenseits aller Definition setzt. Mehr als dies: Da tatsächlich das Leben alle bedingten Definitionen erzeugt, ist jede Art von Definition selbst Leben. Die Wirklichkeit des Lebens jedoch kann nicht in eine Definition eingekapselt werden.
Obwohl sie alle Arten von Definition erzeugt, geht die Wirklichkeit des Lebens darüber hinaus und setzt sich in absoluter Weise jenseits aller Definitionen.
Warum setzt der Buddhismus voraus, daß es eine Wirklichkeit jenseits aller Definition gibt? Der Grund ist einfach. Wenn wir eine Flamme berühren, werden wir davon verbrannt; wenn wir jedoch, ohne das wirkliche Feuer zu berühren, nur ans Feuer denken, so wird unser Kopf nicht in Brand gesetzt. Wenn wir das Wort »Feuer« aussprechen, so brennt unsere Zunge nicht. Die Definition des Feuers, dessen Natur es ist, alle mit ihm in Berührung kommenden Gegenstände zu verbrennen, kann nicht das wirkliche Feuer sein. Dieses besteht jenseits seiner Definition. Im Zen sagen wir, daß ein Mensch warm und kalt nur kennt, wenn er es an den Dingen selbst erfährt. Alles wird hier als die wirkliche Lebenserfahrung durch das Selbst erklärt. Im Zen sind Definitionen wertlos, welche Dinge, den Bericht von Menschen darüber oder die bloße Beobachtung ohne Lebenserfahrung unseres Selbst enthalten. Dies steht im Gegensatz zur westlichen Auffassung. Wir können sagen, der Unterschied zwischen Zen und Existentialismus besteht in folgendem: Der gegenwärtige Existentialismus ist die Philosophie der Existenz im allgemeinen und nicht die »Praxis« des wahren Lebens des Existentialisten selbst. Das Entscheidende für das Selbst ist die Praxis, in welcher es aus seinem eigenen Leben lebt, es ist keine theoretische Erörterung über »allgemeine Existenz«, die nur aus der Beobachtung stammt.
Nach westlicher Auffassung müssen alle Dinge durch den Logos definiert werden. Eine Wirklichkeit jenseits der Definition wäre demnach Unsinn und absolut unmöglich.
Die wahre Kraft jedoch, die jenseits des Denkens und der gedanklichen Definitionen liegt, besteht eben in der Wirklichkeit des Lebens. Professor Daisetsu Suzuki hat bereits von der östlichen Spiritualität gesprochen. Diese öffnet sich jedoch nur dann dem Blicke, wenn wir die Lebenswirklichkeit leben, die auf einer anderen Ebene liegt als das westliche rationalistische Denken.
Man könnte nun versucht sein anzunehmen, daß die Wirklichkeit des Lebens, die Definitionen, Worte und Gedanken übersteigt, eine mystische, esoterische Welt sei: etwas irgendwo tief Verborgenes, etwas worüber wir nicht sprechen können und das einfach unvorstellbar ist. Dem ist durchaus nicht so; denn in Wahrheit leben wir immer die Wirklichkeit des Lebens.
Hier ein Beispiel: Ich lege meine Hand aufs Herz, spüre den Herzschlag. Es schlägt, jedoch nicht etwa, weil ich daran denke oder infolge von medizinischen oder physiologischen Definitionen. Eine Kraft, die jenseits von Wort-Definitionen und Worten liegt, bringt es zum Schlagen. Solange es jedoch in meiner Brust schlägt, ist mein Herz meine »Lebens-Wirklichkeit«.
Dasselbe gilt von meiner Atmung. Im Schlafe überlasse ich sie irgendeiner großen Macht jenseits von meiner Mitbestimmung, die jedoch in meinem Innern tatsächlich wirkt. Auch dies bedeutet nichts anderes als das Wirken meiner Lebens-Wirklichkeit.
Die genannten Beispiele beziehen sich auf das Physiologische. Gehen wir jedoch etwas weiter. Ich bin als Japaner geboren und von daher ein anderer als ein Weißer. Dies ist nicht etwas, das wir durch den sogenannten »Willen« bestimmen, sondern es ist eine gegebene Tatsache: wiederum die Lebens-Wirklichkeit, die meine eigene Mitbestimmung und Wahl übersteigt.
Ich bin ein buddhistischer Mönch und lebe ein Leben des Zazen in einem bestimmten Tempel in Kyoto in Japan. Habe ich mir diesen Lebensweg selbst ausgesucht? Sicher, in einem gewissen Sinne. Ich habe meinen Weg gewählt, woher aber erhielt ich die Kraft, ihn zu wählen? Ich muß annehmen, daß meine Wahl ebenfalls durch eine höhere Macht bestimmt wurde (man mag es Zufall, Schicksal oder Vorsehung Gottes nennen), eine Macht, die meine eigene sogenannte Willenskraft und Gedanken übersteigt.
Wenn wir in diesem Fall unseren Verstand anstrengen, um zu einer Antwort zu kommen, so wird sie höchstens ein einseitiger und abstrakter Gedanke sein. Was die Lebens-Wirklichkeit angeht, können wir nur sagen: sie ist, was sie ist. Es ist eben so und nicht anders. Die Lebens-Wirklichkeit des Selbst bedeutet, das Leben genauso zu leben, wie es ist. Das Selbst existiert nicht etwa, weil ich daran denke. Es existiert auch, wenn ich nicht daran denke. Es ist eben mein Leben: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders.«
Zazen bedeutet, diese Lebens-Wirklichkeit in die Praxis umzusetzen.



Der Sinn des Lebens aus der Lebens-Wirklichkeit heraus.

Stellen wir uns nun die Frage: Ist es denn möglich, außerhalb der Wirklichkeit zu leben?
Physisch gesehen, solange wir atmen, sicher nicht. Wir können uns nicht außerhalb des Lebens stellen. Trotzdem ist es aber möglich, die Lebens-Wirklichkeit aus den Augen zu verlieren, wenn Schmerz und Leid in unser Leben einfallen.
Hier ein Beispiel dafür.
Vor kurzer Zeit kam eine vierzigjährige Frau zu mir, um sich auszusprechen. Während sie mir ihre Geschichte erzählte, zeigte ihr Geist eine tiefe Erschütterung. Seit ihrer frühen Kindheit, so sagte sie, war das Malen ihre liebste Beschäftigung. Man sprach ihr Talent zu, und so entschloß sie sich im Alter von zwanzig Jahren, mit Hilfe ihrer Eltern nach Tokyo zu gehen, um sich zur Künstlerin auszubilden. Sie hatte Erfolg: Alle Bilder, die sie malte, kamen in Ausstellungen, und sie gewann Preise. Die Kritik hielt sie für eine junge, schöne und echte Künstlerin. Leider stieß jedoch ihr glänzender Aufstieg auf ein Hindernis. Während einiger Jahre erregten ihre Bilder Aufsehen, und die Künstlerin war nahe daran, sich durchzusetzen. Da verlor ihr Vater plötzlich sein ganzes Vermögen. Für die junge Frau bedeutete dies einen schmerzlichen Rückschlag; auf sich allein gestellt die
Künstlerlaufbahn fortzusetzen, war etwas gewagt. Die Sorge um die Eltern, die eine schwere Zeit mitmachten, trieb sie schließlich wieder in ihre Heimat. Dort tat sie, was sie nur konnte, für ihre Familie. Die Jahre gingen dahin, und die Eltern wurden alt; die Leidenschaft für die Kunst war jedoch zu stark in unserer Malerin, als daß sie sich damit zufriedengeben konnte, zu Hause zu sitzen und zu verkümmern. Sie faßte vor einigen Jahren den Entschluß, nach Tokyo zurückzukehren, dort für eine Zeit Arbeit anzunehmen und dabei zu versuchen, sich als Künstlerin selbständig zu machen. Die Frau nahm ihre Eltern mit sich in die Hauptstadt. Sie arbeitete während des Tages für das tägliche Brot und malte des Nachts. Während mehrerer Jahre führte sie dieses anstrengende Leben, jedoch gelang es ihr diesmal nicht, das zu erreichen, was sie im Alter von zwanzig Jahren vermocht hatte. Alle ihre Werke, auf die sie ihre Hoffnung setzte, blieben unbeachtet; sie konnte kein Bild mehr verkaufen und war daher gezwungen, zu ihrem Broterwerb zurückzukehren. Ihre Energie und ihr Mut waren schließlich gebrochen. Sie klagte über ihre unglückliche Lage und sagte mir: »Ich bin unglücklich. Ich habe mein Talent nicht verwirklichen können, seit meine Eltern ihr Vermögen verloren haben.« Während ich natürlich Mitgefühl mit dem Schicksal dieser Frau hatte, deren Künstlerlaufbahn an einem widerwärtigen Umstand gescheitert war, antwortete ich ihr: »Sie denken ganz falsch. Es ist ein schwerer Irrtum zu glauben, es sei ganz selbstverständlich für einen Menschen, von seiner Familie Geld zu erhalten. Es ist vielmehr natürlich, daß jemand überhaupt nichts besitzt. Immerhin war es Ihnen dank dem Vermögen Ihrer Eltern möglich, bis zu Ihrem zwanzigsten Lebensjahr die Malerei zu erlernen, die Sie so sehr liebten. Das ist ein seltener Glücksfall, und Sie sollten dafür sehr dankbar sein. Dies liegt nun schon zwanzig Jahre zurück. Trotzdem denken Sie noch immer an den verlorenen Besitz. Darüber zu weinen, bedeutet, sich in Phantasien über die Vergangenheit zu verlieren. Ist dies nicht absolut sinnlos? Sie müssen Ihre Augen vor der augenblicklichen Wirklichkeit öffnen und mit einem völlig nackten Selbst beginnen, das weder Eigentum noch sonst etwas besitzt.
Als Sie zwanzig Jahre alt waren, haben Ihre ausgestellten Bilder immer Preise gewonnen. Sie denken noch immer an diese Tage und wünschen: >Könnte ich das doch wieder erleben !< Ihr tiefer Schmerz rührt daher, weil Sie sich über Dinge, die eben nicht kommen, in Phantasien verbohren. Werfen Sie alle diese nutzlosen Wünsche, die Dinge Ihrer Jugend wieder haben zu wollen, von sich, und beginnen Sie mit der Wirklichkeit Ihres Jetzt! Das Wichtigste ist Ihre Liebe zur Malerei, Sie lieben es, Bilder zu malen, weil Sie daran Freude haben. Sie sollten sich damit zufriedengeben. Anstatt dessen aber malen Sie und beschweren sich dann darüber, daß Sie Ihre Bilder nicht verkaufen können. Sie verlangen zuviel. Sie haben ja eine Arbeit für Ihren Unterhalt. Wenn Sie Ihren Lebensunterhalt verdienen, ist es Ihnen doch möglich, den Rest Ihrer Zeit für Ihre Lieblingsbeschäftigung, die Malerei, zu verwenden. Sie haben Interesse und Talent für diese Kunst mitbekommen, und so können Sie Ihr Leben damit ausfüllen, ob jemand Sie anerkennt oder nicht. Sie sollten doch darüber froh sein.
Ich selbst habe nie Zazen gemacht, um damit Geld zu verdienen. Während dreißig Jahren habe ich ein Zazen-Leben geführt, in den ersten zwanzig Jahren war ich der Welt völlig unbekannt. Ich habe Zazen geübt im Dunkeln und in Armut; ich hatte kaum genug zum Essen. Doch gerade durch Zen war ich imstande, den Sinn meines eigenen Lebens selbst unter solchen Umständen zu finden. In den letzten zehn Jahren sind Menschen, welche sich durch meine Methode des Zazen angezogen fühlen, zu mir in der gleichen Absicht gekommen, doch auch jetzt habe ich nicht die geringste Absicht, aus Zazen ein Verkaufsprodukt zu machen. Ich übe mein Zazen, weiter nichts.
Für Sie bedeutet es das Leben, Bilder zu malen, wie Sie es lieben. Sollte Ihnen dies nicht größte Freude bedeuten?«
Die Frau verstand durchaus, was ich meinte, sie kehrte mit einem frohen Blick nach Hause zurück.
Wir alle leben ständig in unserer Lebens-Wirklichkeit; aber manchmal geschieht es, daß wir sie aus den Augen verlieren. Kommt es dann zu bedrückenden Vergleichen mit der Vergangenheit oder zu Vergleichen mit dem Leben anderer Personen, so verliert sich der Betreffende leicht in Hirngespinste. Dies führt zu einem Gefühl großer Verlassenheit und Einsamkeit, zu Eifersucht, Neid, Schmerz und Leid.
Ein ähnliches Gefühl der Befremdung überfiel mich einmal, als ich einen Tempel auf dem Lande besuchte. Aus der Entfernung sah ich auf der einen Seite des Berges einen dichten Wald, und ich konnte das Dach eines großen Tempels gewahren, der hinter den Bäumen versteckt lag. Ein Einheimischer erzählte mir, der Tempel sei früher viel größer gewesen; jedoch nach einem Brande habe man den jetzigen Bau viel kleiner aufgebaut. Der Mann führte mich, ich stieg eine hohe Steintreppe hinan. Als ich endlich oben angelangt war und den Tempel sehen konnte, fand ich, daß es ein prächtiger Bau und alles andere als klein war. Trotzdem schien er keineswegs aus einer jüngeren Zeit zu stammen. Ich wunderte mich darüber und fragte meinen Begleiter, wann eigentlich der vorige Tempel niedergebrannt sei. Er nannte die Kamakura-Periode(1185-1333).
Wahrscheinlich hatte vorher hier ein viel größerer Tempel gestanden, aber die Kamakura-Periode lag ja sieben oder achthundert Jahre zurück. Ich mußte lachen, denn ich hatte nach der Erzählung des Mannes, der sagte »nachdem der Tempel niedergebrannt ist«, an fünf oder sechs oder höchstens an zwanzig bis dreißig Jahre gedacht. Es war interessant zu beobachten, daß die Leute vom Lande hier etwas Geschichtliches, das sie selbst nicht gesehen hatten, so behandelten, als wäre es gestern geschehen.
Wenn man es jedoch richtig bedenkt, so ist ein Ereignis, das sich sieben- oder achthundert Jahre vor uns zugetragen hat, ein kürzliches Ereignis. So erinnert sich das jüdische Volk lebhaft an den von Salomon vor mehreren tausend Jahren gebauten Tempel, als wäre es gestern gewesen.
Normalerweise sind es Dinge, die sie selbst erfahren oder die wenigstens in ihrem eigenen Leben geschehen sind, wenn die Leute von »Erinnerungen« sprechen. In diesem Falle jedoch »erinnern sie sich« an das, was in Büchern steht oder was ihre Vorfahren erzählt haben. Dies wäre ohne Bedeutung, doch beim jüdischen Volk geht es um sein ganzes Schicksal im Zusammenhang mit diesen Erinnerungen; es kommt, ebenso bei Christen und Moslems, zu gegenseitigem Totschlag um dieser »Erinnerungen« willen, die ihnen allen gemeinsam sind.
Aus dem Gesagten geht hervor, daß die in mythischen und einseitigen Religionen verhafteten Völker so handeln, wie sie es gelehrt wurden, wie es in ihren Büchern steht und wie sie es von ihren Vorfahren gehört haben. Dabei verwickeln sie sich nur allzuoft in schwere Kriege und Massenmorde. Dies nur als Beispiel; denn diese Tatsache bezieht sich nicht allein auf Religionen. Das gleiche geschieht im Falle von Weltanschauungen. Anstatt die Wirklichkeit des wahren Lebens ganz ins Auge zu fassen, verbrämen sie diese mit Namen wie Gott, Gerechtigkeit, Frieden; oder mit steifen Dogmen und zur Routine gewordenen Ideen.
Wir können nicht einfach sagen, daß Erinnerungen, Illusionen, Mythen, geschichtliche Fakten oder Ideengänge, insofern sie aus dem menschlichen Leben geboren werden, sinnlos sind. Sie alle aber sind nicht die wahre Lebenserfahrung selbst; sie haben vielmehr eine rein begriffliche Existenz innerhalb unseres Denkens. All dies gehört zur Erfahrung, alles Wissen der Vergangenheit und vielleicht der ganzen Menschheit, doch hat es nur einen Sinn, wenn es durch die wirkliche Lebenserfahrung, das Hier und Jetzt, zum Dasein gebracht wird.
Es kommt manchmal vor, daß wir uns allzusehr in die genannten Dinge verrennen. Wir bewundern sie, glauben blind daran, werden verrückt und fanatisch, da wir diese Hirngespinste mit einem Scheinleben füllen.
Wir verwechseln völlig diese rein begrifflichen Existenzen mit der wahren Lebenserfahrung, die etwas Gegenwärtiges ist. Wir tun Dinge, die unser wahres Leben ersticken. Dies kommt immer wieder vor. Das einzelne Individuum, das sich auf diesen Irrweg begibt, kann in eine Anstalt für Schizophrene geschickt werden. Was aber, wenn breite Massen von Menschen so handeln? Keine Irrenanstalt der Welt ist imstande, sie aufzunehmen und, was schlimmer ist, diese Gruppen von Fanatikern sind es, die gelegentlich unsere Zeitgeschichte machen. Ist nicht unsere Geschichte eine fortgesetzte Handlung von Sinnlosigkeit?
Gewiß lebt ein jeder immer seine eigene Lebens-Wirklichkeit, selbst in irriger Weise.
Worauf es jedoch ankommt, ist, das Leben aus seiner Wirklichkeit heraus zu erleben.
Von diesem Standpunkt aus erfassen wir, was es bedeutet, wenn wir immer wieder betonen, daß unser Zazen den Weg zeigt, die Lebens-Wirklichkeit praktisch durchzuführen.