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GAKUDÔYÔJINSHÛ - Sammlung von Punkten, auf die bei der Übung des Weges zu achten ist

(12. Dezember 2004)

Übersetzt von Muho, dem Abt des Antaiji. Vielen Dank an Muho für die freundliche Genehmigung, den Text auf Dogen-Zen.de verwenden zu dürfen.

1. Entfache den Geist des Erwachens (Bodhi-Geist)

Der Geist des Erwachens hat viele Namen, doch es ist nur ein einziger Geist.
Patriarch Nagarjuna sagt: "Der Geist, der die Vergänglichkeit allen Entstehens und Vergehens in der Welt erkennt, wird auch Geist des Erwachens genannt." Lass uns deshalb für den Augenblick diesen Geist als den Geist des Erwachens ansehen. Wenn du die Vergänglichkeit wirklich erkennst, dann wird kein egoistischer Geist wachgerufen, es entsteht keine Ruhmsucht, und du erschrickst über die Schnelle des Zeitlaufs. Darum übe den Weg, so als wolltest du ein Feuer auf deinem Haupt auslöschen. Bedenke, wie unsicher dein Leib und Leben sind. Deshalb sollte deine Übung dem Beispiel Shakyamuni Buddhas folgen, der seinen Fuß einmal für sieben Tage anhob. Selbst wenn du denn Lobgesang eines Kinnara Gottes oder eines Kalavinka Vogels vernimmst, lass es dir das Heulen des Abendwindes in den Ohren sein. Selbst wenn du der Antlitze von Schönheiten wie Maoqiang oder Xishi gewahr wirst, lass es dir das Rinnen des Morgentaus in den Augen sein. Sobald du dich erst einmal aus den Fesseln deiner Sinne befreit hast, wirst du von allein dem Prinzip des erwachten Geistes entsprechen.
Heute wie in vergangenen Tagen hören wir von denen, die nur wenig von der Lehre vernommen haben, und sehen jene, die wenig verstehen. Viele sind in die Fallgrube der Ruhmsucht gestürzt, für immer haben sie das Leben des Buddhaweges eingebüßt. Wie bedauernswert! Gehe nicht daran vorüber, ohne es verstanden zu haben.
Selbst wenn du die provisorischen und die wahren Sutren liest, und die exoterischen und esoterischen Lehren weitergibst, kann dennoch keine Rede vom Geist des Erwachens sein, solange du nicht Ruhm und Ehre von dir wirfst.
Einer sagt, erwachter Geist sei der unübertroffene, wahre und absolute Geist, und mit Ruhm und Verdiensten habe er nichts zu tun. Ein anderer sagt, es sei der eine Gedanke der Dreitausend, und wieder ein anderer, das Dharmator bei dem kein einziger Gedanke hervorgerufen wird. Noch einer nennt den erwachten Geist den Geist, der in das Buddhameer eintaucht.
All diese Kerle wissen nichts vom Geist des Erwachens, gewissenlos ziehen sie ihn in den Schmutz. Ferner als fern sind sie vom Buddhaweg. Sieh dir doch einmal den Geist an, dem es um Ruhm und eigene Interessen geht: Berührt dieser Geist den einen Gedanken der dreitausend Wesensgestalten? Bezeugt er das Dharmator bei dem nicht ein einziger Gedanke hervorgerufen wird? Nein, da ist bloß wahnhaftes Streben nach Ruhm und Verdiensten, und nichts, was wir als erwachten Geist begreifen könnten. Seit alters her teilen die Heiligen, die zu Weg und Lehre gelangt sind, diese Staubwelt mit uns, um uns dadurch zu retten, doch keiner von ihnen vergeudet jemals auch nur einen Gedanken an Ruhm oder Verdienste. Selbst an der Lehre haften sie nicht, wie könnten sie je an der Welt haften? Was "Geist des Erwachens" genannt wird bedeutet an erster Stelle den Geist, der die Vergänglichkeit erkennt, von dem wir oben gesprochen haben. Er hat nichts zu tun mit dem, worauf die Tollköpfe zeigen. Deren ungeborene Gedanken und dreitausend Gestalten ge hören der wunderbaren Übung an, die nach dem Entfachen des Geistes kommt. Bringe das nicht durcheinander. Für den Augenblick solltest du einfach in Ruhe üben, indem du dich selbst ganz vergisst. Auf diese Weise wirst du vertraut mit dem Geist des Erwachens werden.
Die 62 Standpunkte beruhen alle auf einem "Selbst". Falls du dir einen Begriff von einem "Selbst" machst, setze dich in Ruhe hin und beobachte: Was ist die Wurzel alles dessen, was zu deinem Leib, innen und außen, gehört? Der Leib, mit Haut und Haaren, ist etwas, was du von Vater und Mutter erhalten hast. Deren zwei weiße und rote Tropfen sind von Anfang bis Ende substanzlos. Deshalb kann das nicht dein "Selbst" sein. Unser Leben wird zusammengehalten vom Wirken unseres Geistes als Wille, Bewusstsein und Wissen. Doch was ist das letztendlich, in diesem einen Atemzug? Auch dies ist kein "Selbst". Hänge deshalb weder am Körper noch am Geist. Wer daran hängt, geht in die Irre, wer loslässt, erwacht.
Und dennoch rechnest du auf ein "Selbst", wo kein "Selbst" ist, du hängst an deinem Leben, obwohl es nicht "dein" Leben ist. Du übst nicht, was du auf dem Buddhaweg üben solltest, und du trennst dich nicht von den weltlichen Gefühlen, von denen du dich trennen solltest. Dich widert vor der wahren Lehre, während du falschen Lehren hinterherläufst. Wie könntest du dabei nicht in die Irre gehen?


2. Wenn du die wahre Lehre vernimmst, versäume nicht sie zu üben und lernen

Wenn ein Minister ein Wort des Rates darbringt, hat es oft die Kraft Himmel und Erde zu wenden. Wenn Buddhas und Patriarchen uns ein Wort von sich schenken, gibt es keinen, dessen Herz nicht umgekehrt würde.
Doch wenn der Herrscher nicht weise ist, wird er dem Rat seines Ministers kein Ohr schenken. Und wer nicht aus der Menge herausragt, kann die Worte Buddhas nicht annehmen.
Wenn du dein Herz nicht umkehrst, gibt es keinen Weg aus dem Herumtreiben durch Leben und Tod. Wenn die Worte der Minister nicht erhört werden, wird das Land nicht in Frieden und die Politik nicht ehrlich sein.


3. Bezeuge den Buddhaweg durch Übung

In der Welt heißt es: "Wenn du lernst, liegen die Verdienste des Lernens im Lernen selbst beschlossen."
Buddha sagt: "Wenn du übst, liegt der Erweis in der Übung selbst beschlossen."
Noch nie haben wir von einem gehört, der Verdienste erwarb, ohne zu lernen, oder zum Erweis gelangt, ohne zu üben.
Auch wenn es beim Üben Unterschiede gibt zwischen Glauben und Lehre, plötzlicher und allmählicher Verwirklichung, ändert das nichts daran, dass wir durch die Übung zum Erweis durchbrechen. Auch wenn es beim Lernen tiefe und seichte, intelligente und einfältige Anlagen gibt, ändert das nichts daran, dass wir durch das Lernen von Dingen zu Verdiensten gelangen. Wie könnte so etwas allein von der Fähigkeit oder Unfähigkeit des Königs oder von der Gunst oder Ungunst des Schicksals abhängen? Wenn es möglich wäre, ohne Lernen zu Verdiensten zu gelangen, wer würde den Weg früherer Könige durch Zeiten des Friedens und des Tumultes fortführen? Wenn es möglich wäre, ohne Übung zum Erweis zu gelangen, wer würde je des Tathagatas Lehre von Irre und Erwachen gewahr werden?
Wisse, dass du, indem du inmitten der Irre die Übung kultivierst, dir den Erweis bereits zu eigen machst, bevor du zu ihm erwachst. Dann wirst du endlich verstehen, dass das Floß der Lehre nicht wirklicher ist als ein Traum von gestern, und du wirst deine alten Ansichten, in die du dich wie eine Ranke oder Schlange verstrickt hattest, für immer loswerden können. Buddha führt dies nicht mit Gewalt herbei, vielmehr ist es dein allumfassendes Wirken, welches dies bewirkt.
Genauso ist es nichts anderes als die Übung selbst, die den Erweis hervorruft. Die Schatzkammer deines Hauses kommt nicht von außerhalb. Wo vom Erweis Gebrauch gemacht wird, ist Übung. Wie könnten sich Spuren im Geist umkehren?
Wenn du deshalb mit erwachten Augen zurückblickst auf die Übung, wird kein einziges Ding in die Augen fallen. Wenn du genau hinschaust, siehst du bloß zehntausend Meilen weit weiße Wolken. Wenn du dagegen mit deiner Übung fortschreitest, so als wolltest du die Stufen des Erwachens hinaufklettern, dann werden deine Füße von keinem einzigen Staubkorn gestützt werden. Wenn du trotzdem zum Schritt ausholst, entfernst du dich so weit wie der Himmel von der Erde. Hier, nimm einen Schritt zurück und spring über das Buddhaland hinweg!

Geschrieben am neunten Tag des dritten Monats im Jahr 1234


4. Übe die Buddhalehre nicht mit einem Geist, der nach Gewinn strebt

Folge bei der Übung der Buddhalehre den Anweisungen eines Lehrers, nicht deinen persönlichen Ideen und Urteilen. Die Buddhalehre lässt sich weder mit Geist finden, noch lässt sie sich ohne Geist finden. Solange der Geist, mit dem du dich der Übung widmest, nicht eins mit dem Weg ist, werden dein Körper und Geist keine Ruhe haben. Solange dein Körper und Geist keine Ruhe haben, solange werden sie auch kein Glück und Frieden finden. Wenn Körper und Geist kein Glück und Frieden finden, wird dein Weg zum Erweis mit Dornen gespickt sein.
Was müssen wir nun tun, um unsere Übung in Einklang mit dem Weg zu bringen? Unser Geist darf nach nichts greifen und nichts von sich weisen, weder Name noch Gewinn dürfen dem Geist zu schaffen machen.
Wir üben die Buddhalehre nicht für die Menschen. Wer die Buddhalehre so übt wie die Menschen in der heutigen Welt, dessen Geist ist ferner als fern vom Weg.
Wenn die Menschen dich für etwas loben, übst du es auf der Stelle, selbst wenn du weißt, dass es vom Weg abweicht. Wofür du nicht gerühmt und gepriesen wirst, selbst wenn du weißt, dass es der richtige Weg ist, das wirfst du fort ohne es zu üben. Wie schmerzlich! Versuche doch einmal mit ruhigem Herzen zu beobachten: Entspricht diese Tätigkeit deines Geistes der Buddhalehre oder nicht? Wie schmachvoll, wie beschämend! Die Augen des Heiligen beleuchten es.
Wir üben die Buddhalehre auch nicht für uns selbst. Noch viel weniger um des Ruhmes oder der Ehre, der Verdienste oder der Bildung willen. Wir üben sie einfach der Buddhalehre zuliebe. Alle Buddhas erbarmen sich aus Güte den leidenden Wesen - nicht für sich selbst, nicht für andere. Dies ist nichts anderes als die Gepflogenheit der Buddhalehre. Sieh dir die Insekten und Kleintiere an: Besorgt m ühen sie sich bei dem Geschäft ab, ihren Nachwuchs aufzuziehen, mit Körper und Geist nehmen sie Not und Elend auf sich. Wenn der Nachwuchs schließlich groß geworden ist, haben Vater und Mutter am Ende nicht den geringsten Gewinn davon. Dennoch bedenken selbst Kleintiere ihre Nachkommen mit solcher Güte. Das erinnert auf natürliche Weise an die Güte, mit der sich die Buddhas der leidenden Wesen annehmen.
Die wunderbare Lehre aller Buddhas beschränkt sich nicht einfach auf die eine Straße der Güte, sondern sie verwirklicht sich in sämtlichen Toren, die alle dieselbe Wurzel haben. Wir sind bereits Kinder der Buddhas - wie könnten wir nicht von den Buddhas lernen? Übender, denke nicht daran, die Buddhalehre für dich selbst zu üben, übe sie auch nicht um Ehre oder Verdienst willen, übe sie nicht in der Hoffnung auf spätere Belohnung, übe sie nicht um spirituelle Erfahrungen zu sammeln. Die Buddhalehre lediglich der Buddhalehre zuliebe zu üben, das ist der Weg.


5. Suche bei der Übung des Zen und beim Lernen des Weges nach einem wahren Meister

In alter Zeit hieß es: "Wo der Geist nicht richtig entfacht ist, da werden zehntausend Übungen vergeblich ausgeübt." Wie wahr dieses Wort ist! Bei der Übung des Weges hängt alles davon ab, ob der Meister wahr oder falsch ist.
Der Schüler ist so wie das gute Material, der Meister ist wie ein Handwerksmeister. Selbst wenn das Material gut ist, wird seine Schönheit nicht offenbar werden, solange es nicht an einen guten Handwerker gerät. Dagegen werden selbst in einem krummen Holz sogleich wunderbare Züge erscheinen, wenn es in die richtigen Hände kommt. Daraus wird klar werden, dass die Echtheit des Erwachens davon abhängt, ob der Meister echt ist oder nicht.
Leider gibt es in unserem Land seit alters her keine wahren Meister. Woher ich das weiß? Indem ich aus den Worten schließe, so wie einer, der Wasser aus dem Strom schöpft, daran die Quelle erkennt. Die gesammelten Reden und Schriften der Meister in den Ausgaben vergangener Zeiten in unserem Land, mit denen diese ihre Schüler unterrichteten und alle Menschen zu bereichern versuchten - diese Worte sind unreif und grün. Nicht einmal auf der Grundlage des Lernens haben sie den Gipfel erreicht, ganz zu schweigen von der Stufe des Erweises. Sie übermittelten bloß Worte und Sätze und ließen die Menschen Buddhas Namen anrufen. Tag und Nacht zählten sie die Schätze anderer, ohne selbst auch nur einen halben Pfennig zu besitzen. Hier liegt die Schuld der Vergangenheit. Einer ließ die Menschen nach wahrem Erwachen außerhalb des Geistes suchen, ein anderer wiederum ließ sie für Wiedergeburt in einer anderen Welt beten. So wurde Verwirrung gestiftet, aus der Wahnideen entsprangen.
Auch wenn jemand eine gute Medizin ausgibt, wird sie Krankheit verursachen, solange er nicht erklärt, wie man ihre Wirkung kontrolliert. Das ist sogar noch schlimmer, als Gift einzunehmen. In unserem Land hat es seit alters her keinen gegeben, der gute Medizin ausgeteilt hätte, ganz zu schweigen von einem Meister, der erklärt hätte, wie die schädlichen Nebenwirkungen zu beheben sind. Wie könnten wir daher Geburt und Krankheit aufheben, wie könnten wir uns vom Altern und Sterben befreien?
All dies ist die Schuld der Meister, nicht im Geringsten die der Schüler. Es liegt daran, dass die Meister der Menschen diese dazu bringen, die Grundlagen zu vernachlässigen, und sie stattdessen Unwesentlichem nachjagen lassen. Ohne eigene Erkenntnis erreicht zu haben, beschränken sie sich auf ihren persönlichen Geist, und lassen andere unverantwortlich in die Irre gehen. Wie bedauerlich! Die Meister sind ihrer Irrtümer nicht gewahr, wie könnten da die Schüler erkennen, was richtig und was falsch ist.
Wie schade, dass sich in diesem weit abgelegenen kleinen Land die Buddhalehre noch nicht verbreitet hat, und noch keine wahren Meister aufgetaucht sind. Wenn du den unübertroffenen Buddhaweg lernen willst, musst du die Autoritäten in der weit entfernten Song-Dynastie aufsuchen. Blicke zurück auf den lebendigen Weg, der weit außerhalb des Geistes liegt. Wenn du keinen wahren Meister findest, ist es besser, gar nicht zu lernen. "Wahrer Meister" bedeutet einen, der unabhängig von Alter oder Karriere, die wahre Lehre geklärt und darin die Bestätigung eines wahren Meister erlangt hat. Er setzt weder Buchstaben noch das Verständnis an erste Stelle, seine Fähigkeiten durchbrechen jeden Rahmen, seine entschlossene Gesinnigung geht über jeden Maßstab hinaus. Mit persönlichen Ansichten gibt er sich nicht ab, bei Gefühlen bleibt er nicht stehen, sein Tun stimmt mit seinem Verständnis überein - das ist ein wahrer Meister.


6. Was du über die Zen-Übung wissen solltest

Die Übung des Zen und das Lernen des Weges sind die eine große Sache deines Lebens. Sei nicht lax und lau dabei. In alter Zeit hackte sich einer den Arm, ein anderer die Finger ab. Dies sind großartige Spuren aus dem alten China. Buddha hinterließ in alter Zeit durch seinen Verzicht auf Palast und Reich ein Muster der Übung des Weges.
Heutzutage sagen die Leute, wir sollten das üben, was leicht zu üben ist. Nichts könnte verkehrter sein, weit verfehlt es den Buddhaweg. Wenn du deine Übung auf nur eine einzige Sache ausrichtest, wird dir selbst das Liegen mühselig werden. Wenn dir eine Sache mühselig wird, werden dir alle Sachen mühselig werden. Es versteht sich von selbst, dass einer, der es sich gern leicht macht, sich nicht für den Weg eignet. Die Lehre, die in der heutigen Welt zirkuliert, ist dieselbe Lehre, zu der Großmeister Shakyamuni erst nach unzähligen Äonen von schwieriger und schmerzensreicher Übung gelangt ist. Wenn es sich bereits an der Quelle so verhält, wie könnte es stromabwärts leichter sein?
Wer es auf den Weg abgesehen hat, sollte sich nicht für leichte Übung entscheiden. Wenn du nach leichter Übung strebst, wirst du unter keinen Umständen wirkliches Land gewinnen, nie wirst du in die Schatzkammer eindringen. In alter Zeit sagten selbst die, die über große Kräfte verfügten, dass die Übung schwer sei. Wisse, dass der Buddhaweg groß und tief ist. Wäre der Buddhaweg an sich leicht zu üben, wieso sollten die großen Begabungen vergangener Zeiten von schwerer Übung und schwierigem Verständnis sprechen? Wenn wir die Menschen von heute mit denen von früher vergleichen, sind sie noch nicht einmal einem einzigen Haar an neun Kühen gewachsen. Wenn sie dazu mit ihrer geringen Begabung und ihrem kleinen Verst and ihre Kräfte noch so sehr zu schwerer und intensiver Übung anstrengen mögen, reichten sie doch noch nicht einmal an die leichte Übung und das einfache Verständnis der Menschen vergangener Zeiten heran.
Was ist das überhaupt für eine Lehre, die leicht zu üben und einfach zu verstehen ist, auf die es heute die Leute abgesehen haben? Weder ist es die Lehre der Welt, noch die Lehre Buddhas. Sie reicht noch nicht einmal an die Übungen von Papiya-Dämonen, Heiden und Hinayana-Buddhisten heran. Wir können sie höchstens das Hirngespinst von Menschen in der Irre nennen. Obwohl sie nach einem Ausweg trachten, verstricken sie sich nur noch weiter im endlosen Herumtreiben.
Sieh, deine Knochen zu brechen und das Mark zu zerstampfen ist nicht so schwierig - das Schwierigste ist, den Geist in Harmonie zu bringen. Auch asketische Übungen bei nur einer Mahlzeit täglich für lange Zeit fortzusetzen, ist nicht schwierig - das Schwierigste ist, Ordnung in das Handeln des Körpers zu bringen. Wenn du meinst, deine Knochen zu zermahlen sei eine edele Sache - seit alters her gibt es viele, die das auf sich nehmen, doch wenige haben die Lehre gefunden. Wenn du glaubst, mit einer Mahlzeit täglich auszukommen sei eine achtbare Sache - viele tun das seit alters her, doch wenige sind zum Weg erwacht. Und zwar deshalb, weil es so schwierig ist, den Geist in Harmonie zu bringen. Scharfer Verstand kommt nicht an erster Stelle, noch was du gelernt und verstanden hast, noch Geist, Wille und Bewusstsein, noch Aufmerksamkeit, Nachdenken und Kontemplation. Du betrittst den Buddhaweg, ohne dich einer dieser Dinge zu bedienen, indem du Körper und Geist harmonisierst.
Der alte Shakyamuni sagt: "Avalokiteshvara kehrt die Strömung um und tilgt Erkennenden und Erkanntes."
Genau darum geht es hier. Die zwei Weisen von Bewegung und Stille sind vollkommen ausgelöscht - das bedeutet Harmonie. Wenn einer den Buddhaweg durch scharfen Verstand oder erschöpfendes Wissen betreten könnte, dann wäre Mönch Shenxiu derjenige gewesen. Wäre einer von niedrigem Aussehen und geringer Herkunft vom Buddhaweg ausgeschlossen, wie hätte ausgerechnet Huineng zum sechsten Patriarch werden können?
Die Fähigkeit, den Buddhaweg zu übermitteln, hat mit scharfem Verstand und erschöpfendem Wissen nichts zu tun. Das hat sich hier klar gezeigt. Gehe mit deinem Fragen noch weiter in die Tiefe, ergründe, indem du auf dich zurückblickst!
Auch ist, wer alt ist, nicht ausgeschlossen, genausowenig wie die, die noch jung sind. Zhaozhou war über sechzig, als er mit der Übung begann, dennoch nimmt er einen Heldenplatz unter den Patriarchen ein. Fräulein Zheng hatte mit zwölf bereits langes Studium hinter sich, sie ragte über die Mönchsgemeinschaft heraus. Die erhabene Erscheinung der Buddhalehre hängt davon ab, wieviel wir an sie geben, und davon, ob wir sie üben oder nicht.
Wer die Sutren lange studiert hat, oder wer eine alte Autorität in den Schriften der Welt ist, sollte an das Tor des Zen klopfen. Dafür gibt es viele Beispiele: Nanyue Huisi war ein Mann von vielen Fähigkeiten, dennoch übte er mit Bodhidharma. Yongjia Xuanjue war von herausragender Begabung, doch er übte mit Dajian.
Die Kraft, um die Lehre zu klären und den Weg zu erreichen, erhalten wir aus der Übung unter einem Meister. Wenn du mit einem Lehrmeister übst und von ihm lernst, darfst du bloß nicht die Lehre, die du von deinem Meister hörst, deinen eigenen Ansichten angleichen. Wenn du sie deinen eigenen Ansichten angleichst, gelangst du nicht zur Lehre deines Meisters. Wenn du mit deinem Meister übst und die Lehre hörst, reinige dich in Körper und Geist, und vernimm einfach nur die Lehre deines Meisters mit lauteren Augen und Ohren. Vermische sie nicht zusätzlich mit anderen Gedanken. Eins in Körper und Geist, sei wie ein Gefäß, in das Wasser gefüllt wird. Wenn dir das gelingt, wirst du die Lehre deines Meisters erlangen.
Törichte Zeitgenossen versuchen die Lehre des Meisters all den Büchern, die sie bereits auswendig gelernt haben, und einem Haufen von aufgeschnapptem Wissen anzugleichen. Auf diese Weise tragen sie bloß ihre eigenen Ansichten und alte Sprüche mit sich herum, ohne den Worten ihres Meisters gerecht zu werden. Eine Sorte davon stützt sich auf ihre eigenen Ansichten, wenn sie die Sutren aufschlagen und ein oder zwei Zitate daraus auswendig lernen, um sie zur Buddhalehre zu erklären. Wenn sie später unter einem klugen Lehrmeister üben und die Lehre hören, erklären sie das, was ihren eigenen Ansichten entspricht, für richtig, während sie verneinen, was nicht mit ihren alten Überzeugungen übereinstimmt. Sie wissen nicht, wie sie sich von ihrem Wahn befreien können - wie könnten sie je den Weg, der zurück zur Wahrheit führt, hinaufsteigen? Selbst nach Äonen so zahlreich wie Staub- und Sandkörnchen werden sie immer noch in der Irre sein. Höchst bedauernswert, wer könnte nicht traurig darüber sein!
Weg-Übender, wisse, dass der Buddhaweg außerhalb von Gedanken, Unterscheidung, Ausmessen, Betrachtung, Erkennen und Verstehen liegt. Wenn er innerhalb dieser Bereiche läge, wie käme es, dass du noch nicht zum Buddhaweg erwacht bist, obwohl du dein ganzes Leben lang ständig in diesen Bereichen zugebracht und stets freien Gebrauch von ihnen gemacht hast? Du solltest den Weg nicht Lernen, indem du dich des Nachdenkens und Unterscheidens bedienst. Prüfe deinen eigenen Körper, der ständig mit Gedanken, Unterscheidungen und so fort ausgestattet ist, und dies wird dir so klar wie in einem Spiegel erscheinen.
Der Eintritt durch das Tor gelingt nur dort, wo ein Meister ist, der die Lehre gefunden hat, niemals könnte ein Lehrmeister der Schriften dazu befähigen.

Geschrieben im Jahr 1234, 15 Tage nach der Frühlings-Tagundnachtgleiche.


7. Wer die Buddhalehre üben will und nach einem Ausweg sucht muss Zen praktizieren

Unter allen Wegen zeichnet sich die Buddhalehre aus, das ist der Grund, weshalb die Menschen nach ihr suchen. Als der Buddha noch in dieser Welt weilte, gab es keine zweite Lehre und keinen zweiten Meister. Großmeister Shakyamuni führte die leidenden Wesen allein durch sein unübertroffenes Erwachen. Nachdem Mahakashyapa den Augenspeicher der wahren Lehre übernahm, gaben ihn die 28 Generationen in Indien und die sechs Generationen in China sowie alle Patriarchen in den fünf Häusern einer dem nächsten weiter, ohne dass die Linie je abbrach. Seit der Putong Ära des Liang gab es, angefangen mit Mönchen bis hin zu Ministern und Königen, unter denen, die aus der Menge herausragten keinen, der sich nicht zur Buddhalehre bekehrt hätte. Wer wirklich im Stande ist, Ausgezeichnetes zu lieben, der wird das Ausgezeichnete auch lieben. Doch diese Liebe sollte nicht wie die des Ministers She für einen Drachen sein.
Die Schriftzeichen der Lehre bedecken all die Berge und Meere der Länder östlich von China wie ein Netz. Auch wenn sie alle Berge bedecken, so fehlt doch den Wolken der Geist, und sie trocknen das Herz der Wellen in den Meeren aus. Törichte Menschen freuen sich an ihnen, so wie jemand, der an einem Fischauge hängt, das er für eine Perle hält. Menschen in der Irre spielen damit herum, so wie einer, der Steine vom Berg Yan sammelt und sie hochschätzt wie Edelsteine. Viele stürzen in die Fallgrube der Täuschung, und nicht selten kostet es sie das Leben. Wie bedauerlich, dass in diesem abgelegenen Land leicht falscher Wind gemacht wird, während die wahre Lehre kaum durchdringt. Dennoch hat sich bereits ganz China zur wahren Buddhalehre bekehrt, während die Buddhalehre unser Land und Korea noch nicht durchdrungen hat. Warum nur, warum? In Korea hat man wenigstens vom Namen der wahren Lehre gehört, doch in unserem Land hat man selbst davon noch nichts vernommen. Das liegt daran, dass sich die Meister, die in der Vergangenheit in die Tung-Dynastie gereist sind, sich alle im Netz der Schriftlehre verfangen haben. Auch wenn sie die buddhistischen Schriften übermittelten, vergaßen sie völlig die Buddhalehre selbst. Wofür war das gut? Ihr Bemühen war letztlich umsonst. Und zwar deshalb, weil sie den Schlüssel für das Lernen des Weges nicht kannten. Wie bedauerlich, dass sie ihr ganzes Leben mit vergeblicher Mühe verschwendeten!
Wenn du zum ersten Mal durch das Tor trittst, um den Buddhaweg zu erlernen, höre auf die Lehre deines Mentors und übe dieser Lehre gemäß. Dabei gibt es folgendes zu beachten: Die Lehre spinnt mich herum, und ich spinne die Lehre herum. Wenn ich die Lehre herumspinne, bin ich stark und die Lehre ist schwach. Wenn die Lehre umgekehrt mich herumspinnt, ist die Lehre stark und ich bin schwach. In der Buddhalehre gibt es ursprünglich diese beiden Prinzipien, doch wer kein echter Erbe von ihr ist, weiss davon noch nichts. Wer die geflickte Mönchsrobe nicht trägt, wird kaum jemals davon gehört haben. Wenn du diesen Schlüssel nicht kennst, wie kannst du dich dem Erlernen des Weges widmen, wie kannst du unterscheiden, was richtig und was falsch ist?
Doch wer jetzt den Weg erlernt, indem er Zen praktiziert, der bekommt von selbst diesen Schlüssel weitergegeben, also geht er nicht fehl. In anderen Schulen gibt es das nicht. Wer nach dem Buddhaweg sucht, wird den wahren Weg nicht erkennen, solange er nicht Zen praktiziert.


8. Über die Aufgabe eines Zenmönches

Die authentische Überlieferung durch Buddhas und Patriarchen erfolgt bis zum heutigen Tage durch direktes Weisen. Die vier mal sieben Generationen in Indien und die sechs Generationen in China fügten dabei kein Härchen hinzu, und nicht einmal ein Staubkörnchen ging verloren. Das Gewand wurde so an Coaxi weitergegeben, und die Lehre verbreitete sich in unzähligen Welten. Nun erfreut sich der Augenspeicher der wahren Lehre des Tathagata im großen China heftiger Beliebtheit.
Die Gestalt dieser Lehre wirst du nicht finden, so viel du auch suchst, wenn du nach ihr greifst, wirst du sie nicht erlangen. Wo du sie siehst, vergisst du das Erkennen, wenn du sie erlangst, gehst du über den Geist hinaus. Einer verlor sein Gesicht in Huangmei, ein anderer hackte sich den Arm in Shaoshi ab. So erlangte er das Mark, kehrte das Herz um, folgte der Windrichtung, machte seine Verbeugungen, nahm einen Schritt zurück und saß fest im Sattel der Umstände. Dabei gab es kein Verweilen im Geist oder im Körper, kein Festhalten, kein Stocken und k ein Stehenbleiben.

Ein Mönch fragt Zhaozhou: "Hat selbst ein Hund Buddhanatur oder nicht?"
Zhaozhou sagt: "Wu (nichts)"
Kannst du über dieses Wort "Wu" Spekulationen anstellen, es festhalten und begreifen? Es ist absolut nicht zu fassen.
Ich bitte dich, einmal die Hände zu öffnen. Öffne für einen Augenblick die Hände und sieh: Was sind dein Körper und Geist? Was ist deine Aufgabe? Was sind dein Leben und Tod? Was ist die Buddhalehre? Was ist die Lehre der Welt? Was sind Berge und Flüsse, die ganze Erde, Mensch und Tier, Häuser und Ställe, was ist all das letztlich?
Sieh aus, sieh ein, und ganz von selbst werden die zwei Gestalten von Bewegung und Stille nicht zum Vorschein kommen. Wenn sie nicht zum Vorschein kommen, steht aber nichts fest. Kein Mensch bezeugt dies, doch viele irren sich darin. Mensch eifriger Übung! Halb in der Irre, wirst du es erstmals erlangen. Gib nicht auf, wenn du erst ganz in die Irre gerätst. (Andere Lesart: In der Mitte des Weges wirst du es erstmals erlangen. Höre nicht auf, wenn du an das Ende des Weges gelangst.)
Mein Gebet ist mit dir!


9. Richte deine Übung nach dem Weg

Wer sich zum Lernen des Weges fest entschlossen hat, muss zunächst erkennen, ob er sich richtig nach dem Weg richtet oder nicht.
Als Shakyamuni Buddha unter dem Bodhi-Baum saß, erblickte er plötzlich den Morgenstern und erwachte auf der Stelle zum Weg des unübertroffenen Gefährts. Dieser Weg, zu dem er erwachte, geht über die Kräfte der Hörenden und Allein-Erwachten. Nur ein Buddha vermag, von selbst zu ihm zu erwachen, und Buddhas geben ihn bis zum heutigen Tag ununterbrochen an Buddhas weiter. Wie könnte einer, der auf diese Weise zum Erwachen gelangt ist, kein Buddha sein?
Sich nach dem Weg richten bedeutet, den Abgrund des Buddhaweges zu ergründen und sich ganz mit den Verhältnissen des Buddhaweges vertraut zu machen. Der Buddhaweg liegt unter jedermanns Füßen. Weil dir der Weg im Weg ist, wird dieser Ort ganz klar, weil dir das Erwachen im Weg ist, wirst du ganz zu dem, der du bist. Auch wenn dein Begreifen vollkommen ist, fällst du dennoch in halbes Erwachen.
Auf diese Weise richtest du dich nach dem Weg.
Die Leute, die heutzutage den Weg üben, sind sich noch nicht im Klaren, wohin er führt und wo er versperrt ist. Mit Gewalt suchen sie nach Einblick und Erfahrung - wer würde da nicht in die Irre gehen? Wie einer, der seinen Vater im Stich lässt und davonläuft, seine Schätze fortwirft und in der Welt umherirrt. Obgleich er das einzige Kind aus einem reichen Haus ist, leistet er Dreckarbeit in der Fremde. Es geschieht vollkommen zu recht.
Wer den Weg übt, will, dass ihm der Weg in den Weg kommt. Wem der Weg in den Weg kommt, dessen Spuren des Erwachens verlöschen. Wer den Buddhaweg praktiziert, muss zuerst an den Buddhaweg glauben. Wer an den Buddhaweg glaubt, muss daran glauben, dass er sich von Anfang an inmitten des Weges befindet, ohne jegliches Hindernis, ohne täuschende Gedanken, ohne sich im Kreis zu drehen, ohne etwas zuviel oder zuwenig, ohne irgendein Fehl. Auf diese Weise Glauben wachzurufen und den Weg zu klären, um ihn dadurch zu üben, stellt die Grundlage des Erlernens des Weges dar.
Die Wurzel der Gedanken durchzusitzen und sie nicht in die Richtung des Erkennens und Verstehens neigen zu lassen sind Kunstgriffe, die sich eignen, um Anfänger einzuführen. Die zweite Stufe besteht darin, anschließend Körper und Geist abfallen zu lassen, und Irre und Erwachen loszulassen. Doch es gibt wohl nichts Schwierigeres, als einen zu finden, der daran glaubt, dass er sich auf dem Buddhaweg befindet. Wer wirklich daran glaubt, dass er sich auf dem Weg befindet, versteht von selbst, wohin der große Weg führt und wo er versperrt ist, und er erkennt die Ursache von Irre und Erwachen.
Auch du solltest versuchen, die Wurzel der Gedanken zu durchsitzen. In acht oder neun von zehn Fällen wirst du auf einmal des Weges gewahr werden.


10. Nimm es auf der Stelle auf (Werde ihm auf der Stelle gerecht)

Es gibt zwei verschiedene Arten, sich selbst in Körper und Geist zu bestimmen. Eine ist, unter einem Meister zu üben und die Lehre zu hören. Die andere ist hingabevolle Praxis des Zazen. Das Hören der Lehre öffnet Geist und Bewusstsein spielerisch, während Übung und Erweis das A und O des Zazen sind. Wenn du versuchst, den Buddhaweg zu erreichen, während du einem dieser beiden Gesichtspunkte den Rücken zukehrst, wird es dir nicht gelingen, es aufzunehmen (ihm gerecht zu werden).
Jedermann verfügt über Körper und Geist. Einige leisten viel, andere wenig. Manche sind stark, andere schwach. "Aufnehmen" ("Gerechtwerden") heißt, Buddha mit Körper und Geist in deiner Bewegung und in deiner Gestalt auf der Stelle zu erweisen. Was hier "auf der Stelle" und "aufnehmen" ("gerechtwerden") genannt wird, bedeutet einfach dem Erweis der anderen zu folgen, ohne deinen gewöhnlichen Körper und Geist umzuwandeln. Da du einfach den anderen folgst, bist du ohne deine alten Ansichten, und da du einfach aufnimmst (gerecht wirst), bist du ohne ein neues Nest.